Isvargrin

Band 1 – Der Auftrag

Leseprobe

Hinweis des Autors:

In den von mir erzählten Geschichten werden zahlreiche sensible Themen wie Manipulation, Missbrauch, Trauma, ideologischer Fanatismus, Rassismus uvm. angesprochen und aufgearbeitet. Das bedeutet, dass sich manche Charaktere (bedingt durch ihre Erfahrungen, Kulturen, Glaubenssätze und die damit verbundenen Vorurteile) dementsprechend verhalten. Dieses Verhalten und die damit verbundenen Überzeugungen können sich durch neu gewonnene Erfahrungen im Laufe der Geschichte verändern.

1. Kapitel

6.Zeitalter, Áhr 1504

Eisiger Wind strich durch die Nadeln der Bäume und ließ Schnee auf Vargrins Kopf rieseln. Er rührte sich nicht von der Stelle, plusterte lediglich sein schwarzbraunes Gefieder auf, das mit dem dunklen Stamm des Baumes hinter ihm beinahe zu verschmelzen schien. Er zwang sich zur Geduld, während er das Rudel Isvarge beobachtete, die sich unten am Boden über ihre frisch erlegte Beute hermachten. Dampfendes Blut färbte den Schnee und das weiße Fell der Isvarge rot. Ihr Hunger schien sie die sonst so streng eingehaltene Rangordnung beinahe vergessen zu lassen. Knurrend und zähnefletschend schnappten sie nacheinander, und schon ergriff eines der rangniederen Tiere, das versucht hatte, einen Bissen zu ergattern, mit eingezogenem Schweif winselnd die Flucht.

Vargrin heftete seinen Blick auf das Tier, das der Grund dafür war, warum er hier, auf seinem Ast hockte und wartete. Es war ein junges, gerade erst ausgewachsenes Männchen, das mit gesenktem Kopf und angelegten Ohren etwas abseits stand. Trotz der Kälte hechelte es und die geweiteten, gelben Augen waren dunkel vor Schmerz. Ein Hinterbein hing lahm herab und Vargrin vermutete, dass die scharfen Hufe des Schildbocks es zerschmettert hatten, den das Rudel zwei Tage zuvor vergeblich versucht hatte, zu erlegen. Mit so einer Verletzung würde das Tier hier, in der Wildnis, nicht lange überleben. Es könnte von Glück reden, wenn ihm einer seiner Artgenossen auch nur einen blankgenagten Knochen überlassen würde… oder ein milde gestimmter Chluánn ihm das ein oder andere Mäuschen vor die Nase warf.

Vargrin neigte den Kopf und pickte eine der toten Mäuse aus dem Beutel, den er sicher zwischen seinen Beinen hielt. Er hatte die halbe Nacht damit verbracht, zu jagen, um den Beutel mit den Ködern zu füllen. Inzwischen war der kleine Leib gefroren, doch das würde den Isvarg nicht stören. Nach einem letzten, abschätzenden Blick auf das fressende, sich balgende Rudel, das offensichtlich noch für eine ganze Weile gut beschäftigt sein würde, ließ Vargrin die Maus fallen. Sie landete direkt vor dem Isvarg im Schnee. Dieser betrachtete die vom Himmel gefallene Gabe einem Moment lang verwirrt, schnüffelte daran – und schlang sie gierig hinunter. Sehr gut. Vargrin packte mit seinem Schnabel die nächste Maus. Er schlug mit den Flügeln, um die Aufmerksamkeit des Isvargs zu erregen, der den Kopf hob und argwöhnisch zu ihm herauf starrte. Vargrin ließ die Maus fallen. Der Isvarg fraß sie – und stellte interessiert die Ohren auf, als er seine Aufmerksamkeit danach erneut auf Vargrin richtete. Dieser packte seinen mit Futter gefüllten Beutel und flog zu einem anderen Baum. Ein wenig tiefer. Ein wenig weiter vom Rudel entfernt. Dort ließ er eine weitere Maus fallen. Der Isvarg beobachtete ihn mit zur Seite geneigtem Kopf und schien angestrengt nachzudenken. Es war offensichtlich, dass er der Sache nicht so recht traute.

Komm, drängte Vargrin ihn stumm. Komm her. Hol’s dir.

Hunger triumphierte über das Misstrauen des Tieres. Langsam setzte es sich in Bewegung und humpelte kläglich auf ihn zu.

So ist es brav. Vargrin sah zu, wie der Isvarg die Maus vertilgte und dann erwartungsvoll den Kopf hob. Zaghaft bewegte er den buschigen, weißen Schweif. Die Augen des Tieres hefteten sich hungrig auf die nächste Maus, die Vargrin zum Vorschein brachte. Er ließ sie einladend aus seinem Schnabel baumeln, ehe er sich wieder von seinem Ast abstieß und zum nächsten Baum flog. Der Isvarg hinkte winselnd hinter ihm her. So wiederholten sie das Spiel, bis das Rudel sich in sicherer Entfernung befand und Vargrin sicher war, dass keines der anderen Tiere ihnen gefolgt war. Der Isvarg war mittlerweile richtig zutraulich geworden und hatte aufgehört, ihn bei jeder Bewegung wachsam ins Auge zu fassen.

Jetzt. Vargrin versuchte, die nervöse Furcht zurückzudrängen, die in ihm aufwallte. Du kannst das. Es wird funktionieren. Na los. Du kannst jetzt nicht einfach feige den Schwanz einziehen.

Doch. Er könnte. Er könnte einfach davonfliegen und sich eingestehen, dass die ganze Sache eine miese Idee gewesen war und sein Vater Recht gehabt hatte. Den anderen jungen Männern beweisen, dass sie Recht gehabt hatten – und er nicht das Zeug dazu hatte, diese Prüfung zu bestehen. Die Prüfung, die einen mit 16 Áhr[1] nicht nur zum Mann, sondern zum Krieger machte. Zu einem Isvargsohn. Wenige wagten die Prüfung. Noch weniger überlebten sie. Doch die, die es taten, genossen die Anerkennung und den Respekt des ganzen Stammes. Oh, sie würden ihn endlich respektieren müssen, selbst wenn sie allesamt größer und stärker waren als er.

Vargrin zog ungeschickt das Messer hervor, das sich zwischen den Mäusen im Sack verbarg. Es rutschte ihm beinahe aus dem Schnabel und einen Moment lang rang er erschrocken um Gleichgewicht. Er beäugte den Isvarg, der unter ihm am Stamm des Baumes wartete und erwartungsvoll, schweifwedelnd zu ihm aufsah. Dann ließ er den Sack fallen. Der Isvarg betrachtete ihn mit verwundert zur Seite geneigtem Kopf und begann kurz darauf, interessiert schnüffelnd darin zu wühlen. Zu Vargrins Erleichterung ließ er sich dabei einen Moment später ausgestreckt auf dem Boden nieder. Den Sack zwischen den großen, mit spitzen Krallen bewährten Pfoten, fing das Tier an, eine Maus nach der anderen daraus zu befreien. Der grobe Stoff war ihm dabei im Weg, doch es schien sichtlich Spaß daran zu finden, ihn mit den Zähnen in seine Einzelteile zu zerlegen.

Los jetzt, bevor er fertig ist. Vargrin holte tief Luft und glitt mit ausgebreiteten Schwingen lautlos zu Boden. Allein der dicke Baumstamm lag nun zwischen ihm und dem Isvarg. Vargrin schloss die Augen. Fühlte sein rasendes Herz gegen seinen zitternden Körper hämmern. Fragte sich, was bei allen Göttern er sich dabei gedacht hatte, sich auf diesen Wahnsinn einzulassen. Dann verhärtete er sich entschlossen gegen seine Furcht und begann, sich zu verwandeln.

Eisige, lähmende Kälte schnitt in seine Haut, die ihr nun ohne das dichte Federkleid schutzlos ausgeliefert war. Vargrin unterdrückte einen schmerzerfüllten Laut und presste die Lippen zusammen. Er packte das Messer und richtete sich vorsichtig auf. Vorsichtig lugte er um den Baumstamm herum. Der Isvarg hatte ihn nicht bemerkt. Er wühlte immer noch in dem Sack mit den Mäusen herum, ohne seiner Umgebung auch nur einen Blick zu schenken. Vargrin schätzte die Entfernung ab. Heftete seinen Blick auf die Stelle zwischen den Rippen des Tieres, wo sich das Herz befand. Ein Versuch. Wenn er verfehlte, war er tot. Hätte sich nur für seinen dummen Stolz die Kehle aus dem Leib reißen lassen, wie sein Vater es ihm mit so einfühlsamen Worten vor Augen geführt hatte. Vargrin fühlte seine Füße taub werden. Die Kälte oder der Isvarg. Eins von beiden würde ihn umbringen, wenn er nicht bald etwas tat.

Vargrin sah, wie der Isvarg seine Schnauze tief in dem Sack versenkte. Er stürzte sich nach vorne, erreichte das Tier, das erschrocken den Kopf hochriss. Es versuchte, auf die Beine zu kommen, heulte auf, als sein zerschmetterter Hinterlauf unter ihm einknickte. Vargrin stieß zu, fühlte, wie die Klinge des Messers an einer der Rippen abglitt. Der Isvarg schnappte nach ihm, verfing sich dabei jedoch in dem zerfetzten Stoff des Sacks. Vargrin stieß erneut zu und dann, ohne darüber nachzudenken noch einmal. Und noch einmal. Warmes Blut quoll über seine Hände, seine Arme, besudelte seinen nackten Körper. Erst als der Körper des großen Tieres erschlaffte, ließ Vargrin zitternd und schwer atmend das Messer sinken. Er starrte auf den zuckenden Leib, der ausgestreckt vor ihm im Schnee lag und allmählich begann die Erkenntnis in ihn einzusickern, dass er es tatsächlich geschafft hatte. Und außerdem noch lebte. Und dabei sogar unverletzt geblieben war.

Vargrin legte seine Hände auf das dichte, weiße Fell. Fühlte die Wärme des toten Körpers und noch etwas… anderes. Als würde etwas ihn mit dem Isvarg verbinden. Mit dem warmen Leuchten, das sich in dem Inneren des Tieres zu einer kleinen, formlosen Gestalt verdichtete.

Der Kírya, begriff Vargrin. Die Seele.

Er hatte die Kírya schon oft gesehen, wenn sie ihre verstorbenen Körper bereits verlassen hatten. Doch er hatte noch nie erlebt, wie sie sich formten. Er zögerte. Als Chluánn konnte er den Kírya in sich aufnehmen, solange dieser den Körper noch nicht verlassen hatte. Er hatte es noch nie versucht. Die Gestalten, die er beherrschte, waren ihm als kleines Kind von seinen Eltern zugeführt worden. Er war damit aufgewachsen. Sie hatten ihn davor gewarnt, dass es riskant und gefährlich war, die Seele eines ausgewachsenen Wesens in sich aufzunehmen, um dessen Gestalt zu erlernen. Dass es Chluánnan gab, die deswegen verrückt geworden waren, weil sie begonnen hatten, die Stimmen dieser Geister zu hören. Oder vergessen hatten, wer sie waren. Vargrin kannte die Gefahr. Und doch… er betrachtete den Isvarg. Fühlte, wie ihm die Verbindung zu dessen Kírya allmählich zu entgleiten begann.

Ein Isvarg. So eine Gelegenheit würde er nie wieder bekommen. Vargrin schloss die Augen und ohne, dass irgendjemand es ihn gelehrt hätte, wusste er, was zu tun war. Es war so leicht. Nicht schwerer, als eine Handvoll Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen und zu trinken. Der leuchtende Kírya des Isvargs floss in ihn hinein, erfüllte ihn mit seiner Wärme. Bilder, Erinnerungen, die nicht zu ihm gehörten, vermischten sich mit seinen eigenen. Sehnsucht nach seinem Rudel und der wilden Jagd über die weiten, schneebedeckten Ebenen lebte in ihm auf. Vargrin schien es, als stünde er dem Isvarg gegenüber, der ihn abschätzend musterte… und sich dann mit einem freundlichen Schwanzwedeln mit ihm verband. Er fühlte den Respekt des Geistes und eine gewisse Dankbarkeit, dass er ihn von den Schmerzen seines Körpers erlöste.

Vargrin atmete erleichtert auf.

„Ich nehm an, das heißt, dass wir uns gut verstehen werden.“

Er erhielt keine Antwort, wofür er dankbar war. Die Wärme der Verbindung ebbte ab und wich der beißenden Kälte des nordischen Wintertages. Frierend schlang Vargrin die Arme um seinen Leib und begann, ohne darüber nachzudenken, die neue Gestalt anzunehmen. Er brauchte Schutz. Wärme. Das dichte Fell des Isvargs würde ihm beides schenken. Sein Körper veränderte sich, zum ersten Mal in seinem Leben in etwas, das größer war, als er selbst. Es war anstrengend, doch Vargrin wusste nicht, ob es an der neuen Gestalt lag, oder daran, dass es die zweite Verwandlung innerhalb von so kurzer Zeit war. Dennoch fühlte er die unglaubliche Kraft, die dem Körper des Isvargs innewohnte. Seinem Körper. Wie fein seine Sinne waren. Wie von selbst drehten sich seine pelzigen Ohren in alle Richtungen, schnappten laut und deutlich Geräusche auf, die er zuvor nicht einmal ansatzweise wahrgenommen hatte. Er hob die Nase und witterte. Roch das Blut, den frischen, harzigen Duft der Bäume und selbst die letzte, verbliebene Maus in dem zerfetzten Sack. Vargrin unterdrückte den Drang, sie hinunter zu schlingen, und fühlte eine sachte Enttäuschung, die nicht von ihm stammte. Er begriff. Begriff, wie eng er nun mit dem Geist des Isvargs verbunden war, der durch ihn zu neuem Leben zu erwachen schien.

Vergiss die Maus, dachte er. Es gibt viel bessere Dinge. Geräuchertes und gebratenes Fleisch. Wir werden schon nicht Hunger leiden, du und ich.

Das schien die Neugier des Geistes zu wecken und ihn zu besänftigen. Zumindest konnte Vargrin ihn nicht länger spüren.

Gut zu wissen, stellte er fest. Anscheinend hatte der Geist immer noch Bedürfnisse und ließ ihn zufrieden, wenn er darauf einging. Nun, solange der Isvarg nicht ausgerechnet den Wunsch danach verspürte, Jagd auf die Leute in der Stadt zu machen, sollte es ihm recht sein. Vargrin bemerkte, dass er bei der Vorstellung unwillkürlich begonnen hatte, mit dem Schweif zu wedeln. Er ließ ihn sinken.

Nein, dachte er nachdrücklich. Selbst wenn es wirklich lustig wäre, sie ein bisschen herum zu scheuchen. Sie würden uns erschießen.

Und außerdem sollte er aufhören, hier herumzustehen und gedankliche Zwiegespräche mit seinem neuen Begleiter zu führen. Er hatte eine Aufgabe zu erledigen. Und die würde nicht einfacher werden, sobald der Kadaver des Isvargs anfing, hungrige Artgenossen anzulocken. Vargrin hatte gedacht, dass er sich weit genug vom Rudel entfernt hatte. Doch die feinen Sinne seiner Gestalt verrieten ihm, dass er sich gründlich geirrt hatte. Sie würden kommen.

Er packte den Kadaver mit den Zähnen am Nackenfell und begann zu ziehen. Glücklicherweise rutschte dieser mühelos über den harten Schnee, während Vargrin selbst immer wieder mit den Pfoten durch die gefrorene Kruste brach und einsank. Dennoch kam er gut voran und stellte erfreut fest, dass er dank der Erinnerungen des Geistes sogar ganz genau wusste, wo er war. Und wohin er musste.

Wie anders es sich anfühlte! All die Erfahrungen, das Wissen und die ausgebildeten Sinne einer erwachsenen Gestalt in sich aufzunehmen! Wenn er daran dachte, wie mühsam er als Vogel das Fliegen hatte erlernen müssen. Die Jagd. Die Art und Weise, wie diese Tiere kommunizierten, ohne sie wirklich zu verstehen. Wie lange es gedauert hatte. Und jetzt hörte er in der Ferne das Heulen des Rudels und wusste, was es zu bedeuten hatte. Wer da rief. Und dass er sich besser ein bisschen beeilen sollte. Unermüdlich zerrte Vargrin den Kadaver seiner eigenen, neu erlernten Gestalt hinter sich her, bis er endlich den Fuß des Lyfkar Berges erreichte. Er fand die kleine Höhle, in der er sein Lager aufgeschlagen, und seine warme Kleidung zurückgelassen hatte. Erfreut stellte er fest, dass sogar das Feuer noch müde vor sich hin glomm. Es würde sich schnell wieder anfachen lassen.

Vargrin ließ den Kadaver los. Erschöpft ließ er sich daneben auf die Hinterbeine nieder und blieb eine Weile schwer atmend sitzen. Er lauschte. Witterte. Überlegte, ob er versuchen sollte, den Eingang der Höhle zu verbarrikadieren. Verwarf den Gedanken wieder, als er die beinahe mitleidige Erheiterung des Geistes spürte. Und kam letztlich zu dem Schluss, dass er es eben darauf ankommen lassen und hoffen musste, dass das Feuer ihm während seiner Arbeit genügend Schutz bot. Vargrin erhob sich und schüttelte sich kräftig, wobei er verblüfft feststellte, dass damit ein gutes Stück seiner Anspannung von ihm abzufallen schien. Dann wandte er sich kurz entschlossen um und trottete zu seinem Gewand, das neben dem beinahe erloschenen Feuer auf einer Decke lag. Er hatte noch viel zu tun. Er brauchte einen Reißzahn und das weiße Fell des Isvargs, das er erst einmal sauber abziehen musste, um es im Anschluss hoch hinauf, auf den Gipfel des Lyfkar zu tragen… und die Prüfung zum Isvargsohn damit endlich zu bestehen.


2. Kapitel

Leichtfüßig trabte Vargrin auf seinen langen, kräftigen Läufen den schmalen Bergpfad entlang. Eisiger Wind ließ den in dicken Flocken vom Himmel fallenden Schnee um ihn herumwirbeln und zauste ihm das dichte Fell. In seiner eigenen Gestalt hätte er bestimmt erbärmlich gefroren und sich den von Runensteinen markierten Weg mühsam emporkämpfen müssen. Als Isvarg kam er problemlos voran und wenn der Wind zu stark wurde, oder er eine Rast brauchte, konnte er sich einfach in einer geschützten Nische zusammenrollen und abwarten. Er bezweifelte, dass er auf dem Pfad irgendjemandem begegnen würde. Er war der Einzige gewesen, der vor kurzem sechzehn geworden war und sich entschlossen hatte, zur Prüfung anzutreten. Außer ihm hatte niemand einen Grund, den heiligen Berg zu besteigen. Gut, außer ihm und der Schamanin des Stammes, aber die alte Frau würde sich wohl kaum in dem Wetter den Berg hochkämpfen. Vargrin fragte sich, ob sie oben auf ihn warten würde. Oder ob es ein Teil der Prüfung war, zu warten, bis sie ihn aufsuchte. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwarten würde. Keiner der anderen Männer hatte ihm außer irgendwelchen dummen Anspielungen oder Schauermärchen irgendetwas erzählt. Die einen waren der Überzeugung gewesen, dass er hier draußen mit Sicherheit sterben würde. Die anderen schienen es irgendwie als persönliche Beleidigung aufgefasst zu haben, dass sich jemand, der nicht zu ihrem Volk gehörte, dieser Prüfung überhaupt stellen durfte. Die Einzigen, die ihn dazu ermutigt und daran geglaubt hatten, dass er es schaffen würde, waren seine Mutter, sein Onkel Gharin, Ravan und Masha, die Tochter des Džar gewesen, die dummerweise immer noch ein Auge auf ihn geworfen hatte. Die, wenn er Pech hatte, womöglich auch noch das Zweite hinterherwerfen würde, wenn er die Prüfung tatsächlich bestand und damit auf einmal Ruhm und Ehre im Stamm erlangte.

Vargrin entfuhr ein Seufzen. Masha. Noch ein Grund, warum er einigen der anderen Männer ein Dorn im Auge war. Und das nur, weil er sich einmal darauf eingelassen hatte, sie zu küssen. Er hatte gedacht, dass es vielleicht irgendetwas ändern würde. Dass er die Faszination der anderen Männer den Frauen gegenüber endlich verstehen würde, wenn er es einfach mal versuchte. Im Endeffekt hatte es niemandem gefallen. Ihm nicht. Masha nicht, die sich wesentlich mehr erhofft hatte – und sich strikt weigerte, ihre Hoffnungen endlich zu begraben. Den anderen jungen Männern nicht, die offensichtlich davon ausgingen, dass seitdem mehr zwischen ihnen geschehen war. Und seinem Großvater sowieso nicht, der mit einem seiner Vorträge über die Reinheit des Blutes angefangen hatte, während Gharin danebengestanden und beifällig genickt hatte. Das war der Punkt gewesen, an dem Vargrin der Kragen geplatzt war. Er wusste, dass es nicht sonderlich schlau gewesen war, ihnen an den Kopf zu werfen, dass sie sich endlich mal entscheiden sollten, ob sie lieber aussterben oder künftig eben mit Halb-Chluánnan in der Familie leben wollten. Trotzdem. Es war wahr. Auch wenn sein Großvater das nicht hatte hören wollen und ihn seither mit gekränktem Schweigen strafte. Naja. Immerhin blieben ihm damit auch die Vorträge des Alten erspart, selbst wenn die angespannte Stimmung zuhause seinem Vater immerwährende Sorgenfalten ins Gesicht malte.

Wie viel einfacher wäre das Leben seiner Familie ohne den Alten, der wie ein Schatten über ihnen allen hing. Der seine beiden Söhne mit seinem Gerede von Familie, Loyalität und dass sie die letzten Überlebenden ihres Volkes seien, so eng an sich gebunden hatte, dass sie beinahe an ihrer familiären Loyalität erstickten. Vargrin hatte die Hoffnung inzwischen aufgegeben, dass sein Großvater ihnen den Gefallen tun würde, eines Tages einfach tot umzufallen und sie damit allesamt von sich zu befreien. Oh nein. So zäh, wie der Alte war, würde er sie am Ende noch alle überleben.

Vargrin blieb stehen, als der schmale Pfad vor ihm in eine Höhle hineinführte. Mit gesenktem Kopf und unschlüssig angelegten Ohren verharrte er und überlegte. Ob er schon da war? Ob er durch diese Höhle den Gipfel des Berges erreichen würde? Was, wenn die Schamanin ihn da drin bereits erwartete? Konnte sie wissen, dass er kam? Vielleicht war es besser, zu Sicherheit wieder seine eigene Gestalt anzunehmen, um es nicht zu riskieren, dass die alte Frau ihn ausgerechnet als Isvarg vor sich auftauchen sah. Und dann womöglich auch noch die Flucht ergriff und er auf einmal alleine auf dem Gipfel sitzen blieb. Vargrin schlüpfte in die Höhle und schüttelte sich den Schnee aus dem Fell. Es war merklich wärmer in der Höhle, wo er vor Wind und Schnee geschützt war. Er ließ das zusammengeschnürte Bündel fallen, das sich aus seinen Kleidern, Schuhen, Messer, dem Isvargzahn und dem weißen Fell zusammensetzte. neugierig blickte er sich um, während er sich mit der Zunge über das schmerzende Maul leckte, wo sich die Schnur, die das Bündel zusammenhielt, zwischen seinen Zähnen ins Fleisch gegraben hatte.

Fasziniert betrachtete Vargrin die schmalen, leuchtenden Kristalladern, die an den Wänden verliefen und die Höhle in ein dämmeriges, farbenfrohes Licht tauchten. Sie erinnerten ihn an die Nordlichter, die manchmal über den Nachthimmel zogen, ohne jemals wirklich stillzustehen. Er fragte sich, was diese Kristalle wohl sein mochten. Ob sie der Grund dafür waren, dass der Lyfkar Berg den Džawaren heilig war. Vielleicht würde er es von der Schamanin erfahren. Für´s erste würden sie ihm den Weg zeigen.

Er verwandelte sich und machte sich eilig daran, sein Gewand aus dem fest verschnürten Bündel zu befreien. Vargrin schlüpfte in die aus dicker Wolle gewalkte Tunika und Hose, die trotz ihrer guten Qualität einen bescheidenen Ersatz für das herrlich warme Fell des Isvargs darstellten. Er zog sich die mit Pelz gefütterten Stiefel, den dicken Mantel und die Handschuhe über und prüfte, ob alles an seinem Platz saß und er auf dem Weg hier herauf auch nichts verloren hatte. Das Messer steckte in der Scheide an seinem Gürtel. Der Isvargzahn befand sich ebenfalls noch sicher in dem kleinen Beutel, den er extra zu dem Zweck fest an seinen Gürtel gebunden hatte. Zufrieden hob Vargrin das zusammengerollte Fell hoch und folgte dem Pfad tiefer in die Höhle hinein.

Immer wieder glitt sein Blick zu dem leuchtenden, fließenden Licht der Kristalle hinauf. Sie waren… wunderschön. Magisch, sofern so etwas wie Magie tatsächlich existierte. Wären die Kristalle nicht außerhalb seiner Reichweite über seinem Kopf durch den Fels verlaufen, hätte er der Versuchung wohl nicht widerstehen können, sie zu berühren. So kam es Vargrin vor, als schritte er hier, in dieser engen Höhle, unter der unendlichen Weite des nächtlichen Sternenhimmels dahin.

Der Weg stieg langsam an, führte immer höher hinauf. Ein kalter Luftzug strömte ihm pfeifend entgegen und als Vargrin dem gewundenen Pfad um eine weitere Krümmung folgte, erblickte er vor sich das Ende der Höhle. Dichtes, weißes Schneegestöber wirbelte draußen durch die Luft. Der Schnee wurde vom Wind in den Gang hereingeweht, wo er liegenblieb und einen scharfen Kontrast zu den dunklen Felswänden bildete. Vargrin blieb im Schutz der Höhle stehen und blickte nach draußen. Eine schmale, in den Stein geschlagene Treppe führte weiter hinauf auf den Berg, und an deren Ende… Vargrins Augen weiteten sich. Dann kniff er sie zusammen, um die Konturen des leuchtenden Etwas durch den dichten Schnee genauer erkennen zu können. Es war… ein Kristall? Die Spitze eines Kristalls, die dort oben in den Himmel hinauf ragte?

Neugierig, gespannt, was ihn dort oben erwarten würde, wappnete er sich gegen die Kälte und trat ins Freie. Sofort erfasste ihn der Wind und Vargrin kämpfte einen Moment lang darum, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Vornübergebeugt stemmte er sich gegen die unerbittliche Kraft des eisigen Windes, der an ihm zerrte und ihm den Schnee und seine eigenen, langen, schwarzbraunen Haare ins Gesicht peitschte. Schützend hob er einen Arm, während er den anderen fester um das zusammengerollte Fell schlang und es sicher an seine Brust presste. Schritt für Schritt tastete er sich vorsichtig die rutschigen Stufen hinauf, hin zu der hoch über ihm aufragenden Spitze, deren warmes, einladendes Leuchten das dichte Schneegestöber durchdrang. Die beißende Kälte durchdrang die Schichten seiner Kleidung, fraß sich in seinen Körper und brachte ihn unkontrolliert zum Zittern. Vargrin biss die Zähne zusammen. Hoffentlich gab es dort oben ein Haus. Eine Höhle. Irgendeinen Unterschlupf, in dem er Zuflucht finden würde. Frierend und erschöpft erreichte er das Ende der Treppe und erkannte erleichtert, dass er es endlich geschafft hatte. Er war am Ziel. Am Gipfel des Lyfkar Berges, dessen scharfe Felsspitzen vor ihm in den Himmel ragten. Sie umschlossen das Zentrum des Gipfels, das sich in ihrer Mitte, in einer geschützten Senke befand. Dort erhob sich aus dem uralten Gestein des Berges die leuchtende Form eines Kristalls. Einen Augenblick lang vergaß Vargrin die Kälte und die beißenden, brennenden Schmerzen in seinem erbärmlich schlotternden Körper.

Was ist das? Überwältigt starrte er auf das fließende, lebendige Licht, das den Kristall mit Farben erfüllte, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte.

Vargrin zwang sich, seinen Körper zu bewegen. In die Senke hinabzugehen, die ihn zu dem Kristall führte, der, wie er nun erkannte, das spitze Dach einer Höhle bildete, die sich an seinem Fuß verbarg. Hier, im Schutz der umliegenden Felsen ließ der Wind schlagartig nach und Vargrin ließ zögernd den Arm sinken. Er trat auf die Höhle zu, wobei sein Blick immer wieder hoch zu deren unheimlicher, faszinierender Spitze wanderte. Bildete er es sich ein, oder züngelten dort oben tatsächlich Flammen? Vargrin blinzelte und es gelang ihm nur mit Mühe, sich von dem Anblick loszureißen und die Höhle zu betreten. Diese war von demselben fließenden Licht erfüllt, das in einem langsamen Tanz über den schroffen Felsen glitt. Eine einladende, wohlige Wärme empfing Vargrin im Inneren der Höhle. Er sah sich um. Feine, kristallene Adern durchzogen die Wände, verzweigten sich zu einem dichten Netz, das hoch über seinem Kopf zu der beeindruckenden Kristallspitze zusammenlief. Und genau unterhalb dieser Spitze, im Zentrum der Höhle, befand sich ein kreisrundes Wasserbecken. Langsam trat Vargrin darauf zu. Mit jedem Schritt blieb die tödliche Kälte des Wintersturmes weiter hinter ihm zurück und sein durchfrorener Körper hörte allmählich auf, zu zittern. Am Rand des Beckens blieb er stehen und blickte auf die stille Wasseroberfläche, in der sich das faszinierende Farbenspiel des Kristalls spiegelte. So perfekt spiegelte, dass das Wasser selbst aus Licht zu bestehen schien und Vargrin sich unwillkürlich fragte, was er da sah. Es war unmöglich zu erkennen, ob das Wasser in dem Becken gerade einmal knöcheltief war, oder ob das Becken geradewegs bis zum Grund des Berges hinabreichte. Er neigte sich ein wenig weiter nach vorne, bis ihm sein eigenes Gesicht aus dem Wasser heraus entgegenblickte. Aus silberblauen Augen sah es ihn an und die silberblauen, schuppenartigen Male an seinen Schläfen schillerten in dem fließenden Licht des Kristalls wie flüssiges Metall. Verblüfft stellte Vargrin fest, dass sich der dunkle Schatten eines Bartes oberhalb seiner Lippen abzeichnete. Er hob eine Hand und strich mit den Fingern über den weichen Flaum. Ein belustigtes Schmunzeln zuckte um seine Mundwinkel. Was ein paar Tage allein in der Wildnis nicht alles zum Sprießen brachten.

„Du hast den Weg zur heiligen Quelle des Lyfkar also gefunden, junger Chluánn.“

Vargrin hob den Kopf, als er die sanfte Stimme vernahm. Er erblickte Nashuja, die kleine, kräftige Schamanin des Stammes, die am gegenüberliegenden Rand des Beckens stand. Ihre fast völlig ergrauten Haare hatte sie zu einem losen Zopf geflochten, der ihr über die Schultern bis zu den Hüften hinab hing. Es schien unmöglich, ihr Alter zu schätzen. Sie mochte vielleicht fünfzig Áhr zählen, aber ebenso gut hätten es sechzig oder siebzig sein können. Doch während das Alter ihr wettergegerbtes Gesicht mit tiefen Falten gezeichnet hatte, ließ ihre aufrechte, entspannte Haltung keine Spur von Krankheit oder Schwäche erkennen.

„Važja“, sprach er die Schamanin respektvoll mit ihrem offiziellen Titel an. Sie lächelte und musterte ihn aus ihren blassblauen Augen, deren Blick einen Moment lang auf den Malen an seinen Schläfen verweilte. Im Gegensatz zu den meisten anderen, deren Ausdruck bei dem Anblick wahlweise Neugier, Misstrauen, Faszination oder manchmal gar Furcht zeigte, ließ Nashujas Gesicht nicht erahnen, was sie dachte. Doch die freundliche Ruhe, die sie ausstrahlte, linderte die nervöse Unsicherheit, die bei ihrer stummen Musterung in Vargrin aufgeglommen war. Erleichtert stellte er fest, dass sie sich nicht daran zu stören schien, dass er nicht zu ihrem Volk gehörte. Erst jetzt wurde ihm klar, dass sich ein Teil von ihm insgeheim davor gefürchtet hatte. Dass ausgerechnet die Schamanin, selbst wenn er die Prüfung bestand, sich schlicht weigern würde, diese anzuerkennen. Dass sie ihn womöglich einfach wieder fortschicken – oder sich gar nicht erst die Mühe machen würde, ihn überhaupt hier zu empfangen.

„Danke“, kam es leise über seine Lippen, als die Frau, die ihm kaum bis zu den Schultern reichte, zu ihm trat und in einer wortlosen Geste ihre Hände nach dem zusammengerollten Fell in seinem Arm ausstreckte. Sie blickte zu ihm auf und Vargrin hielt überrascht still, als sie ihm mit ihren schwieligen, warmen Fingern sanft über Schläfe und Wange strich.

„Es sind nur unsere Angst und unser Stolz, die uns glauben lassen, dass wir verschieden sind“, sagte sie freundlich. Sie legte ihre Hand auf seine Brust, direkt über seinem Herzen. „Aber im Grunde sind wir alle eins.“

Ihre Worte berührten ihn ebenso, wie sie ihn irritierten. Alle eins. Diese Theorie würde er zuhause besser nicht laut wiederholen. Die Chluánnan mit den niederen Ménanvölkern auf eine Stufe zu stellen, wie sein Großvater und Gharin sie nannten… zu behaupten, dass sie nicht verschieden und ihnen nicht überlegen seien… Vargrin biss die Zähne zusammen. Oh ja, auf den Streit, den er damit lostreten würde, konnte er getrost verzichten. Etwas in ihm sträubte sich gegen die anmaßenden Worte der alten Frau, während ein anderer, größerer Teil Dankbarkeit für die Freundlichkeit empfand, die sie ihm entgegenbrachte. Eine offene, herzliche Freundlichkeit, die er außerhalb seiner Familie bisher nur selten erlebt hatte.

„Kann ich…“, setzte er an, als sie Fell und Zahn von ihm entgegennahm. Vargrin zögerte, ehe er fortfuhr, „…dich etwas fragen?“

Nashujas Augen blitzten belustigt auf. „Das hast du doch schon. Aber du darfst mich gern noch etwas fragen.“

Vargrin wies auf den leuchtenden Kristall und dessen schimmernde Adern im Fels.

„Was ist das? Warum leuchten sie? Was passiert da in diesen Kristallen? Wie-“ Vargrin unterbrach sich und schluckte die Fragen hinunter, die ihm auf der Zunge brannten. Zu viel, dachte er. Zu neugierig. Und das am falschen Ort zur falschen Zeit. Vermutlich wäre es angemessener gewesen, ehrfürchtig zu schweigen und diesen Ort als das Heiligtum zu akzeptieren, das es war. Verlegen sah er die alte Schamanin an, die ihn mit zur Seite geneigtem Kopf nachdenklich betrachtete. Dann lächelte sie.

„Von all den Isvargsöhnen und Töchtern, die hier herauf gekommen sind, bist du der Erste, der mir diese Fragen stellt.“

Ja, das hatte er befürchtet. Doch Nashuja schien sich nicht daran zu stören. Sie bedeutete ihm, ihr zu folgen und Vargrin heftete sich stumm an ihre Seite. „Du weißt, dass die Himmelslichter das Licht unserer Götter sind. Die Rúnr“, sie wies mit einer Hand auf die Kristalladern in den Wänden, „fangen das Licht auf, wenn es auf die Erde fällt. Sie lassen es in die Erde fließen und schenken ihr das Leben. Sie schenken uns das Leben und all die Wunder unserer Welt. Wasser. Feuer. Die Luft und den Wind. Sie tragen die Macht der Götter in sich.“

Vargrin nickte nachdenklich. Er fragte sich, ob die Lehren des Ráths wohl mit Nashujas Erklärung übereinstimmten. Oder ob diese überhaupt etwas von diesen Kristallen erwähnten. Er kannte die Götter und Mythologie des Džawarenvolkes, und seine Mutter hatte ihm die Lehren des Ráths beigebracht, der in einem Großteil der restlichen Welt großen Einfluss besaß. Sie hatten mal darüber gesprochen, wie der Ráth die Kultur und den Glauben der Džawaren geprägt haben mochte, als diese früher noch von einem Herrscher regiert worden waren, der von den unsterblichen Boten des Ráths hier, im Nordreich Rányr, eingesetzt worden war. Nach dem Verschwinden des Königs hatten sich die Džawaren wieder in ihre ursprünglichen Stammesverbände aufgeteilt und waren zu ihrem alten Glauben zurückgekehrt – den sie allerdings auch davor offenbar nie wirklich aufgegeben hatten. Vargrin hatte in beiden Lehren einige Übereinstimmungen gefunden, während sie sich in anderen völlig unterschieden. Manchmal fragte er sich, was davon wohl wahr sein mochte. Ob all die unterschiedlichen Götter wirklich für ihr jeweiliges Volk existierten, oder ob sie am Ende dieselben waren und man ihnen in den verschiedenen Winkeln der Welt nur unterschiedliche Namen gegeben hatte. Oder ob sein Großvater vielleicht Recht hatte, der behauptete, dass es keine Götter gab, die ihnen halfen, und sie auf sich alleine gestellt und selbst für ihr Schicksal verantwortlich seien. Manchmal fühlte Vargrin sich zerrissen zwischen all den unterschiedlichen Überzeugungen und er wusste nicht, woran er selbst noch glauben konnte.

Aber irgendwie, dachte er, während er neben Nashuja her schritt und das Farbenspiel des leuchtenden Kristalles betrachtete, ist es schwer, bei dem Anblick nicht an irgendwelche Götter zu glauben, die wirklich über uns wachen.


3. Kapitel

Nashuja führte Vargrin in einen angrenzenden, kleineren Höhlenraum, in dem es außer einem schlichten Felllager nichts gab. Das fließende Licht des Kristalls tanzte über die Felsen am Eingang und tauchte den Raum in dämmeriges Licht. Dort ließ sie ihn nach einem Mahl, das aus einer bitteren Fleischbrühe bestand, alleine zurück. In der stillen Einsamkeit der Höhle solle er fasten und sich dem stellen, was auch immer sich ihm in den nächsten Tagen zeigen würde. Sie würde ihn holen, wenn er bereit sei.

Was auch immer das bedeuten mochte. Vargrin hatte kein Problem damit, mit sich und seinen Gedanken alleine zu sein. Er hatte keine Angst davor, was sich ihm vielleicht zeigen mochte, wenn er sich ihnen stellen musste, weil er sich nicht von ihnen ablenken konnte. So machte er es sich auf seinem Lager bequem und richtete sich darauf ein, zu warten. Er beobachtete das Spiel des Lichtes, während er seine Gedanken wandern ließ und allmählich jegliches Gefühl für Zeit verlor. Er dachte darüber nach, was ihn zuhause wohl erwarten würde. Wie seine Familie und die anderen jungen Männer des Stammes ihn empfangen würden. Ob sich wohl irgendetwas verändern würde. Er bezweifelte, dass die Männer ihn dann endlich akzeptieren würden, aber vielleicht zumindest… respektieren. Weil er es geschafft hatte, zu beweisen, dass er ihnen ebenbürtig war. Selbst wenn er keinem von ihnen im Kampf gewachsen wäre. Selbst wenn er anders aussah und nicht hier, im Norden, geboren worden war. Vielleicht… würden sie ihn dann an ihrem Tisch willkommen heißen und er könnte, nur zur Abwechslung mal, so tun, als wäre er normal. Nur einer unter vielen anstatt einer der Letzten seiner Art.

Vargrin wälzte seine Gedanken, Sorgen und zaghaften Hoffnungen hin und her, während allmählich der Hunger kam. Er flaute auf und ab, wurde stärker, fordernder, nur um ihn nach einer Weile wieder in Ruhe zu lassen. Mit trockenem Mund und knurrendem Magen blieb Vargrin an seinem Platz. Wartete. Döste ein. Erwachte. Immer wieder suchte sein Blick das Lichtspiel des Kristalls, dessen langsame, fließende Bewegungen einen eigenartigen… Frieden in ihm weckten. Als wäre es ihnen langweilig geworden, zum hundertsten Mal wieder und wieder in seinem Kopf durchgespielt zu werden, kamen Vargrins Gedanken langsam zur Ruhe. Wurden leiser, bis sie schließlich beinahe völlig verstummten und es in seinem Innerem so still wurde, wie in der Höhle um ihn herum. Es gab nichts weiter für ihn zu tun, als seine Aufmerksamkeit auf den Moment zu richten. Vargrin fühlte sich leicht. Ruhig. Und obwohl er durstig und hungrig war, störte er sich nicht daran, während er in dieser Höhle saß und draußen in der Welt Tage, Róna[2], oder vielleicht auch eine Ewigkeit vergehen mochten.

Als Nashuja zurückkehrte, war es Vargrin, als käme die alte Schamanin aus einer Welt, die ihm beinahe fremd geworden war. Sie trug eine hölzerne, mit feinen Schnitzereien verzierte Schale in den Händen und schenkte ihm ein warmes Lächeln, als sie sich vor ihm auf die Knie niederließ. Vargrin blinzelte verwundert, als er die Flüssigkeit sah, die sich in der Schale befand. Spielten ihm seine Augen einen Streich, oder schimmerte sie tatsächlich?

„Trink“, forderte ihn Nashuja mit leiser Stimme auf. Zögernd nahm Vargrin die Schale entgegen. Er blickte hinein und sah, dass die Flüssigkeit tatsächlich von sich heraus schwach zu leuchten schien.

„Es ist Wasser aus der heiligen Quelle“, sagte Nashuja und beantwortete damit die Frage, die ihm offensichtlich ins Gesicht geschrieben stand. „Dein Körper und dein Geist sind jetzt gereinigt und offen, um zu sehen, welchen Weg die Götter dir bestimmt haben.“ Sie lachte leise. „Trink, Vargrin. Bevor dein Verstand deinen Geist mit all seinen Überlegungen wieder verschließen kann.“

Er begriff nicht, was die alte Schamanin mit diesen Worten meinte, dennoch hob Vargrin die Schüssel an seine Lippen und trank. Das Wasser schmeckte erfrischend kühl und süß. Es benetzte seinen ausgetrockneten Mund und seine Kehle und mit einem Mal wurde ihm klar, wie durstig er tatsächlich war. Er wünschte, es hätten sich mehr, als zwei kümmerliche Schluck voll Wasser in der Schüssel befunden.

Vargrin gab Nashuja die Schüssel zurück. Er wollte etwas sagen, sie um etwas mehr Wasser bitten, doch die Worte erstarben auf seinen Lippen, als die alte Frau auf einmal vor seinen Augen verschwamm. Die dämmerige Höhle begann sich um ihn herum zu drehen, und Vargrin presste irritiert die Hände an die Schläfen, als könnte er seine Umgebung so zu Stillstand bringen. Er kniff die Augen zu, schwankte. Stützte sich mit einem Arm schwer auf dem Boden ab, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

ein Schloss aus weißem Stein auf einer Klippe über dem Meer. Das Bild blitzte vor Vargrins innerem Auge auf und erlosch sofort wieder. Vier Menhire mit eingravierten, leuchtenden Symbolen in einer fremden Sprache. Ein Mädchen mit kupferfarbenem Haar und dunklen, braunen Augen, das mit flehendem Blick nach seiner Hand griff. Eine mächtige, prunkvolle Eingangspforte, über der das in einem unendlichen Knoten in sich verschlungene Symbol des Ráths prangte.

Vargrin blinzelte. Und dann noch einmal, als er nur verschwommene, dämmerige Formen um sich herum sah. Allmählich nahmen die Felsen der Höhlendecke Konturen an und ihm begann zu dämmern, dass er auf dem Boden lag. Mit einem leisen Stöhnen rieb er sich über das Gesicht und wälzte sich schwerfällig zur Seite. Dabei erblickte er Nashuja, die schweigend neben ihm saß und offenbar nichts Seltsames dabei fand, dass er auf seinem Lager umgekippt war. Ein wenig beschämt versuchte Vargrin, sich aufzurichten.

„Langsam.“ Sie legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter und er ließ sich zurück auf sein Lager sinken.

„Was… war das?“, murmelte er dumpf. „Diese… Bilder, was… ich… sie machen keinen… Sinn.“ Verwirrt blickte er zu Nashuja auf, ahnungslos, was diese jetzt wohl von ihm erwartete. „Soll ich… dir sagen, was ich gesehen habe?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie waren für dich allein bestimmt. Und für dich allein werden sie eines Tages Sinn ergeben und dich führen, wenn du bereit bist, ihnen zu folgen… Isvargsohn.“

Bei dem letzten Wort horchte Vargrin auf und fühlte, wie seine Verwirrung von einer ungläubigen Freude verdrängt wurde. Er setzte sich auf und ignorierte den schwachen Schwindel, mit dem sein Körper gegen die jähe Bewegung rebellierte. Er strahlte die Schamanin an, die ihm lächelnd eine Hand hinstreckte. Vargrin senkte den Blick und entdeckte den fingerlangen, gebogenen Reißzahn des Isvargs auf ihrer schwieligen Handfläche. Er zog überrascht die Luft ein. Im Gegensatz zu den Isvargzähnen der anderen Krieger, war dieser hier an dem oberen, dicken Ende nicht in Silber gefasst.

„Das ist…“ Vorsichtig nahm er den Zahn entgegen und hob ihn hoch. Betrachtete ihn ungläubig und ein wenig verunsichert. „…ein Kristall? Ein Stück von… diesem Rúnr Kristall?“

Der milchige Kristall schimmerte schwach im Dämmerlicht und Vargrin konnte, wenn er genau hinsah, in dessen Innerem etwas von dem faszinierenden Farbenspiel erkennen. Er war bei weitem nicht so beeindruckend oder auffällig wie die mächtige Kristallspitze, die draußen das Dach der Höhle bildete, doch das war vermutlich ganz gut so. Vargrin schloss seine Finger um den in Kristall gefassten Zahn, der sich warm und auf seltsame Art… lebendig anfühlte.

„Er war dir bestimmt“, erklärte Nashuja schlicht. „Er wird dich beschützen auf deinem Weg.“

Vargrin hatte keine Ahnung, wie ein Kristall ihn vor irgendetwas beschützen sollte, doch es kümmerte ihn auch nicht wirklich. Er hatte es geschafft. Er hatte die Prüfung bestanden. Er war tatsächlich ein Isvargsohn. Wieder wallte bei dem Gedanken eine unbändige Freude in ihm auf und er streifte sich das Lederband über den Kopf, das durch ein dünnes Loch in der kristallenen Fassung gefädelt worden war. Stolz betrachtete er den Anhänger auf seiner Brust.

Mit einem Mal konnte er es kaum noch erwarten, nach Hause zurückzukehren und seinen Eltern davon zu erzählen. Ravan davon zu erzählen. Sein junger Bruder würde Augen machen, wenn er diesen Anhänger sah. Und wenn er erst die Gestalt des Isvargs sah!

Nashuja wirkte angesichts seiner offensichtlichen, plötzlichen Unfähigkeit, weiter ruhig auf seinem Platz sitzen zu bleiben, amüsiert. Sie hob beschwichtigend die Hände.

„Geduld, junger Chluánn. Iss und trink, bevor du aufbrichst und lass deinen Körper erst wieder zu Kräften kommen. Der Weg nach Wadžarka ist weit… und außerdem tobt draußen ein Sturm und es ist gerade Nacht geworden. Ich rate dir, bis zum morgen zu warten.“

Vargrin sah ein, dass sie Recht hatte, als er schwankend auf die Beine kam und sich mit einer Hand an der warmen Höhlenwand abstützen musste, da sich prompt erneut alles um ihn herum zu drehen begann. Dankbar nahm er das Essen entgegen, das Nashuja ihm reichte und das erneut aus einer Brühe bestand, deren Fleischstücke den bitteren Geschmack der Wurzeln und Kräuter angenommen hatten, die darin schwammen. Vargrin bezweifelte, dass sein ausgezehrter Körper mehr als die leichte Brühe vertragen hätte, die seinen Durst stillte und seinen Magen füllte, der zu einem faustgroßen Knoten zusammengeschrumpft zu sein schien. Nach einer Weile bat er um noch eine Schüssel voll Essen und fühlte, wie er mit jedem Schluck wieder mehr an Kraft gewann. Mit seiner Energie wuchs der Drang, sich zu bewegen und da Nashuja nichts dagegen hatte, begleitete Vargrin sie, als sie aufstand und wieder einmal irgendwohin verschwinden wollte.

Die alte Schamanin schien sich sogar darüber zu freuen, dass er an der Höhle und dem, was sie tat, Interesse zeigte. Sie störte sich nicht an seinen Fragen und führte ihn durch das Heiligtum, in dem sie sich befanden. So lernte Vargrin die Höhle kennen, deren Zentrum aus dem großen Raum mit dem kristallenen Dach und dem Wasserbecken bestand. Eine Handvoll kleinerer Räume grenzten direkt daran an, die dem glichen, in dem er seine Zeit hier verbracht hatte. Dann gab es noch einen weiteren Durchgang, der tiefer in den Berg hinab führte. Er war erhellt von den kristallenen Adern, die an seiner Decke und den Wänden entlang verliefen. Nashuja erklärte ihm, dass diese Höhlen tief bis in das Herz des Berges hinab reichten – und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu, dass sie einer alten Frau außerdem den anstrengenden Weg ersparten, dem die jungen Krieger folgen mussten. Niemand außer ihr dürfe dort hinabsteigen, denn die Rúnr seien mächtig und könnten für jene, die nicht dem Weg des Schamanen folgten und lernten, mit ihnen umzugehen, durchaus auch gefährlich sein. Doch Nashuja hatte nicht vor, tiefer in den Berg hineinzugehen, denn sie zweigte bald in einen anderen, von Kristallen und Feuerschein erhellten Raum ab. Über dem Feuer, das in der Mitte des Raumes brannte, war das dichte, graue Fell eines Aschefressers aufgespannt, das den Rauch des Feuers in sich aufnahm. Vargrin fiel auf, dass es an manchen Stellen leicht zu qualmen begonnen hatte und ausgeschüttelt werden musste. Bereitwillig übernahm er die Aufgabe, als Nashuja ihn darum bat und trug das Fell nach draußen, wo sich der gesammelte Rauch in einer dichten, stinkenden Wolke im Schneesturm auflöste. Vargrin brachte es zurück in den Raum, der Nashuja offensichtlich als Schlafstätte, Wohnraum und Werkstätte diente. In einem Kessel neben dem Feuer stand der Rest der gekochten Brühe, deren Geruch seinen Magen unwillkürlich zum Knurren brachte. An den Wänden hingen Bündel getrockneter Kräuter, Felle lagen ausgebreitet auf dem Boden und dem schlichten Bett, das in einem Winkel des Raumes stand. Eine große, mit Tierhaut bespannte Trommel lehnte neben dem Bett an der Wand.

Vargrin sah sich um, sog den Anblick des Raumes in sich auf, bis sein Blick auf das weiße Fell des Isvargs fiel, das lose über einem hölzernen Gestell hing. Er trat darauf zu und streckte, ohne darüber nachzudenken, eine Hand nach dem weichen Fell aus. Seine Finger fuhren über die seidigen Ohren, die dichte, beinahe borstige Mähne am Hals. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass diese Tiere nicht einfach nur weiß waren. Wie viele Braun und Grautöne sich vor allem in der dichten Unterwolle vermischten, die an manchen Stellen durch das lange Deckhaar durchschimmerten.

Aus seinem mehr schlecht als recht abgezogenen Fell war durch Nashujas Behandlung ein Umhang geworden, der ihn sein Leben lang begleiten würde.

„Das wird dir der Džar übergeben, wenn du nach Wadžarka zurückkehrst“, hörte er Nashujas ruhige Stimme hinter sich. „Und dich damit in seiner Halle damit vor allen Augen als Isvargsohn anerkennen.“

Vargrin fühlte, wie etwas von seiner ursprünglichen Nervosität zurückkehrte. Der Džar. Nashuja mochte anerkannt haben, dass er die Prüfung bestanden hatte, aber würde der Džar ihn auch öffentlich und offiziell in den Rang erheben?

„Das wird er… oder?“, murmelte er, mehr an sich selbst gewandt und ihm wurde bewusst, dass er begonnen hatte, mit dem Zahn um seinen Hals zu spielen. Er sah aus den Augenwinkeln, wie Nashuja an ihn herantrat.

„Das weiß ich nicht“, erwiderte sie. Vargrin blickte beklommen auf die kleine Frau hinab, die ihm ihr freundliches Lächeln schenkte. Wie sie es schon einmal zuvor getan hatte, hob sie eine Hand und legte sie sanft auf seine Brust. „Das hier ist, was wichtig ist, Isvargsohn. Du hast dich bewiesen. Ganz gleich, was diejenigen sagen, die nicht weiter, als bis zu dem Gesicht sehen können, das sich von ihrem unterscheidet. Die weißen Varge sind stark und treu. Sie sind mit ihrem Rudel verbunden, doch sie haben keine Furcht davor, ihren Weg zur Not alleine zu gehen.“

Ihre Worte brachten irgendetwas in ihm zum klingen, schnürten ihm jäh und unerwartet die Kehle zu. Nashuja ließ die Hand sinken.

„Geh, wenn du bereit bist“, sagte sie ruhig. „Du wirst deinen Weg finden. Hab keine Angst davor, ihm zu folgen, selbst wenn deine Spuren sich nicht mit denen der anderen vermischen, sondern alleine durch den unberührten Schnee des Waldes führen.“


4. Kapitel

Zu Vargrins Erleichterung hatte sich der Schneesturm gelegt, als er am nächsten Morgen aufbrach. Er stapfte durch den hohen, unberührten Schnee, der an manchen Stellen so hoch lag, dass er bis über die Oberschenkel darin versank. Sobald er den Höhlenweg am Fuß der Treppen erreichte, verstaute er seinen Anhänger sicher in dem Beutel an seinem Gürtel und schnürte sein Gewand zu einem engen Bündel zusammen.

In seiner Isvarggestalt kam er schnell und mühelos voran, fand sicher seinen Weg über den schmalen Felsweg, der unter einer dicken Schneeschicht begraben lag. Als er den Waldrand am Fuß des Berges erreichte, blieb Vargrin stehen und wandte sich um. Er sah zu dem Gipfel empor, der von hier aus nichts von den Wundern erahnen ließ, die dort oben, zwischen den steilen Felsspitzen verborgen lagen. Vargrins Blick fiel auf die einsame Spur, die seine Pfoten im Schnee hinterlassen hatten. Er dachte an Nashujas Worte. Fragte sich, ob sie ihm einfach nur hatte Mut machen wollen oder ob die alte Schamanin ihm damit etwas sehr Bestimmtes hatte sagen wollen. Er gehörte nicht zu den Džawaren. Nicht zu dem Rudel, das die Isvargsöhne und Töchter der Stadt vermutlich bildeten. Das einzige Rudel, das er kannte, bestand aus seiner Familie. In ihrer Mitte befand sich einzige Ort, an dem er sich sicher und geborgen fühlen konnte, ganz gleich, wie sehr sein Großvater ihm manchmal auf die Nerven ging. Es gab keinen Grund, seinen eigenen Weg zu gehen. Und auch wenn er sich manchmal über die pflichtgebundene, familiäre Loyalität wahlweise ärgerte oder lustig machte… betraf sie ihn genauso. Schloss ihn mit ein. Band ihn. Schützte ihn. Alleine bei der Vorstellung, sich davon abzuwenden, fühlte er sich… einsam. Verloren. Und als würde er sie allesamt im Stich lassen.

Es hat nichts zu bedeuten, versuchte Vargrin, sich zu überzeugen. Sie hat das nur gesagt, um mir Mut zu machen. Sie hat die Leute in der Stadt gemeint. Die Isvargsöhne. Den Džar. Ihr eigenes Volk, nicht meins.

Er bemerkte, dass er mit eingezogenem Schweif und angelegten Ohren immer noch an Ort und Stelle verharrte und nervös auf seine eigenen Spuren starrte. Entschlossen schüttelte er sich die Anspannung aus dem Leib und wandte sich um.

Du denkst schon wieder zu viel nach, sagte er sich. Du hast die Prüfung bestanden. Sei stolz darauf. Geh-

Ein leises Knacken ließ ihn aufhorchen. Vargrin hob wachsam den Kopf, witterte. Sein Körper spannte sich zum Sprung, während er erwartungsvoll das dichte Geäst eines blattlosen Gebüsches fixierte, dessen Zweige sich schwach bewegten. Schon brach der Schneehase daraus hervor und ergriff mit weiten Sprüngen panisch die Flucht. Ohne darüber nachzudenken, nahm Vargrin die Verfolgung auf, ehe ihm bewusst wurde, was er da tat. Er blieb stehen, verärgert und erheitert über sich selbst und die plötzliche Erregung, die ihn angesichts der fliehenden Beute gepackt hatte.

War das jetzt echt nötig?

Er erhielt keine Antwort. Stattdessen breitete sich eine beinahe vorwurfsvolle Enttäuschung in ihm aus, nun, da die mehr als willkommene Mahlzeit ihm entkommen war.

Wir sind bald zuhause. Dann können wir essen. Ja, etwas Besseres als diese wässerige Brühe vom Berg.

Skeptisch aber besänftigt gab der Geist des Isvargs nach und Vargrin tat ihm den Gefallen, dennoch ein bisschen an der Spur der verlorenen Beute zu schnuppern. Dann kehrte er zu seinem Gewandbündel zurück, das er in seinem plötzlich auflebenden Jagdrausch hatte fallen lassen. Immerhin hatte die kurze Jagd ihn auf andere Gedanken gebracht und Vargrin merkte, dass er zu aufgewühlt war, um jetzt noch über seine Erlebnisse und die Worte der Schamanin zu grübeln. Stattdessen fragte er sich, ob er künftig wohl auch in seiner eigenen Gestalt darauf achten musste, nicht hinter irgendwelchen fliehenden Beutetieren herzurennen, oder ob er den Drang nur in Gestalt des Isvargs verspüren würde. Obwohl die kurze Jagd amüsant gewesen war, war es beunruhigend zu erkennen, wie leicht der Geist ihn beeinflussen konnte. Dass dieser ihn dazu bringen konnte, zu handeln, bevor ihm selbst bewusst wurde, war er da tat.

Er begann zu begreifen, warum seine Eltern ihn so eindringlich davor gewarnt hatten, den Kírya eines ausgewachsenen Wesens in sich aufzunehmen. Bisher hatte er sich nicht wirklich vorstellen können, was es bedeutete, wenn sie davon gesprochen hatten, sich in seinen Gestalten zu verlieren. Keine Kontrolle mehr über den eigenen Körper zu haben. Keine Kontrolle über den eigenen Geist. Und alldem nicht mehr entkommen zu können, weil die Geister der Gestalten bis zum Tod untrennbar mit einem verbunden blieben. Vargrin wusste, dass sein Vater die Stimmen seiner Gestalten hörte. Dass er sie fürchtete und mit aller Kraft versuchte, sie zu beherrschen. Würde es so sein? Ein ewiger Kampf um die Kontrolle über seinen Körper? Hätte er den Geist des Isvargs von Anfang an unterdrücken müssen, damit dieser ihn nicht einfach überwältigen konnte?

Die Vorstellung rief eine tiefe, dumpfe Furcht in ihm wach. Angst davor, was passieren mochte, wenn er die Kontrolle eines Tages tatsächlich verlor.

Mit einem Mal fühlte Vargrin die Präsenz des Isvarggeistes, der ihn mit einer unheimlichen Kraft erfüllte. Plötzlich wurde ihm sehr deutlich bewusst, dass er in diesem Körper nicht alleine war.

„Wir können Freunde oder Feinde sein“, knurrte eine leise, tiefe Stimme in Vargrins Kopf. „Versuch, mich zu unterwerfen und ich werde beißen. Vertrau mir und behandle mich mit Respekt, dann werd ich dasselbe tun.“

Freunde. Vertrauen. Er hätte kein Problem damit gehabt, als er noch gedacht hatte, dass sein eigener Körper trotz allem immer noch ihm gehörte. Aber jetzt…

Wie kann ich wissen, dass du mich nicht einfach überwältigst?, fragte er.

„Gar nicht. Du kannst es drauf ankommen lassen, oder mich dein Leben lang bekämpfen.“

Er wollte nicht kämpfen. Er brauchte nicht noch einen Kampf. Davon hatte er schon mehr als genug, wenn er sich tagtäglich gegen die anderen Leute außerhalb der Familie behaupten musste. Er wollte seine Kräfte nicht verschwenden, indem er auch noch gegen sich selbst kämpfte. Nicht, wenn es sich vermeiden ließ. Nicht, wenn es stattdessen auch eine friedliche Zusammenarbeit geben könnte. Trotzdem fiel es Vargrin schwer, loszulassen und einfach darauf zu vertrauen, dass der Isvarg es nicht ausnutzen würde.

„Du hast es bis jetzt auch gemacht. Und? Ist dir irgendwas passiert?“

Aber… die Jagd vorhin…

Vargrin empfand einen Anflug von Erheiterung, die definitiv nicht von ihm stammte.

„Hat doch Spaß gemacht.“

Ja, aber…

„Hab ich dich bekämpft?“

Nein, aber…

Vargrin hatte hat absurde Gefühl, als stieße ihn etwas spielerisch an. Immer noch vermischte sich die Erheiterung des Geistes mit seinen eigenen, besorgten Zweifeln. Diese Mischung war derart seltsam, dass er lachen musste, was seiner Gestalt ein belustigtes Wuffen entlockte. Schweifwedelnd gab er nach. Es brauchte keine Worte. Nicht einmal einen Gedanken. Vargrin spürte das Wohlwollen des Geistes, der sich aus seinem Bewusstsein zurückzog, bis er ihn kaum noch wahrnehmen konnte.

Erleichtert machte Vargrin sich wieder auf den Weg. Auf vier Beinen kam er schnell voran und trabte im ausdauernden Vargstrott über den festgefrorenen Schnee. Seine Ohren drehten sich wie von selbst in alle Richtungen, schnappten Geräusche auf und ließen ihn am Leben des winterlichen Waldes teilhaben, während er selbst daran vorbeizog. Zurück nach Hause. In die große Stadt Wadžarka, wo die einst rivalisierenden oder verfeindeten Stämme der Džawaren zu einem einzigen zusammengewachsen waren. Zumindest oberflächlich betrachtet. Natürlich gab es immer noch Spannungen und die Angehörigen der einzelnen Stämme gerieten immer wieder einmal aneinander, doch es geschah selten, dass die Konflikte ernsthaft eskalierten. Vargrin wusste, dass sein Großvater daran beteiligt gewesen war, dem Džaren dabei zu helfen, die Stämme zu vereinen, doch er war damals noch zu jung gewesen, um sich daran zu erinnern, wie er dieses Wunder bewirkt hatte. Das Einzige, woran er sich erinnern konnte, war, in einer Stadt zu leben, die nach und nach um ihn herum in die Höhe gewachsen war. Die aus irgendeinem Grund neben den Ruinen von Alt-Wadžarka erbaut wurde – beziehungsweise der einen Ruine, die von der alten Stadt noch übrig war. Das einzige Gebäude, das in der alten Stadt damals aus Stein gebaut worden war und das Feuer überlebt hatte, welches sie am Ende vernichtet hatte. Sein Vater hatte ihm erzählt, dass Alt-Wadžarka die Stadt des Königs des Nordreiches Rányr gewesen war – dem vom Ráth auserwählten Herrscher, der das Reich nach den Gesetzen des Ráths regieren und beschützen sollte. Das war für etwas mehr als tausend Áhr gut gegangen, bis der König mitsamt seiner Familie und den Angehörigen seines Volkes verschwunden war. Niemand wusste, was geschehen war. Die einen behaupteten, der König hätte die Stadt selbst vernichtet. Die anderen sprachen von einem Krieg. Wieder andere schoben es auf den Zorn der Džawaren-Götter, die ihr Volk von dem Einfluss des Ráths hatten befreien wollen. So oder so wies die Geschichte beunruhigende Ähnlichkeiten zu dem Schicksal der Chluánnan auf, die früher einmal die Herrscher des westlichen Reiches Eorya gewesen waren. Angeblich hatte ein Dämon die Königsstadt vernichtet, woraufhin sich die Ménanvölker gegen ihre geschwächten Herrscher erhoben und die Chluánnan nahezu ausgerottet hatten. Vargrin fragte sich manchmal nach dem warum. Es musste einen Grund gegeben haben, der die Ménanvölker dazu getrieben hatte, gegen die Chluánnan in den Krieg zu ziehen und es zu riskieren, dabei selbst vernichtet zu werden. War es wirklich nur ihr Neid und ihre Gier nach Macht gewesen? Es gab zu viele Fragen, auf die er keine Antwort wusste. Zu viele Geheimnisse, die irgendwo in der Geschichte seiner Familie vergraben lagen.

Vargrin erreichte den Waldrand. Er blieb stehen und blickte hinaus, auf die schneebedeckte Ebene, die sich vor ihm erstreckte. Dort erhob sich die massive, auf einem befestigten Erdwall errichtete, hölzerne Mauer der Stadt, die am Ufer des breiten Flusses Valku lag. Der Anblick ließ ihn seine Grübeleien vergessen und stattdessen die nervöse Aufregung in seinem Inneren neu aufleben. Bald hatte er es geschafft. Bald war er zuhause. Und dann würde sich zeigen, ob der Džar ihn tatsächlich vor allen Augen als Isvargsohn anerkennen würde. Vargrin atmete tief durch. Es wurde Zeit, wieder in seine eigene Gestalt zu schlüpfen und zu sehen, was ihn zuhause erwarten würde.

[1]         Ein Áhr bezeichnet den Zeitraum eines halben Umlaufes des Planeten um die beiden Sonnen in 364 Tagen. Ein Áhr beginnt und endet an dem Tag, an dem nur eine Sonne am Himmel sichtbar ist.

[2]         Ein Róna ist der Zeitraum von 13 Tagen, die der dritte Mond Tanéron benötigt, um den Planeten zu umkreisen. Ein Éro (52 Tage) teilt sich in vier Róna (Mondzyklen Tanérons): Éoron, Óaron, Náron, Dáeron.

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