Die „Heilige Ordnung“

Die „Heilige Ordnung“ wurde im Áhr 1407 des 6.Zeitalters vom Gelehrten Aaskarat verfasst. Darin hinterfragte der Gelehrte die „Heilige Ordnung“ der Welt, die sich auf die Gebote des Ráth, sowie auf die von ihm erwählten Könige („Tháinan“), gründet. In Eorya, einem der vier Reiche des Kontinents Llhyrinth, entwickelte sich im 6.Zeitalter unter der Herrschaft des Königsgeschlechtes der Chluánnan eine zunehmend grausamer werdende Tyrannei. Diese gab den Anlass zu folgender Schrift und zu dem Aufstand des Volkes, das sich letztlich gegen seine Herrscher und die „Heilige Ordnung“ erhob.

Die heilige Ordnung

Verfasst von Aaskarat, im 6. Zeitalter, Áhr 1407

Ihr Götter, wir beten zu euch, doch wann seid ihr uns je erschienen? Wann habt ihr je unser Flehen erhört, oder uns gar vor Unrecht bewahrt? Wann habt ihr je unsere Herren bestraft, die uns bar jeder Tugend doch in eurem Namen knechten?

Seit mehr als zweitausend Áhr besteht die heilige Ordnung unserer Welt.
Seit der Ráth uns Adáins Licht gebracht und uns aus dem Zeitalter der Dunkelheit erlöst hat. Er verbannte Mórakhars Heer aus Dämonen und schattenhaften Kreaturen in die Höllen, wo diese nun ihr elendes Dasein fristen. Nach dem Willen der Götter schuf der Ráth die heilige Ordnung und erwählte die vier Könige, die nach seinen Geboten über das Land herrschen sollten, das in vier Reiche geteilt wurde.
Er lehrte uns die acht Tugenden, die uns vor der Dunkelheit und ihren Schatten schützen und uns stets auf den rechten Weg führen sollten. Willenskraft. Aufrichtigkeit. Dankbarkeit. Bescheidenheit. Liebe. Vertrauen. Vergebung. Und Gnade.
Ebenso warnte er uns vor den acht Versuchungen, mit deren Macht uns die Schatten verführen und uns an unsere unstillbaren Begierden ketten. Unbarmherzigkeit. Trägheit. Verblendung. Habgier. Stolz. Selbstsucht. Zweifel. Und Rachsucht.
Richte ich meinen Blick auf unsere Herren, das stolze Volk der Chluánnan, so sehe ich all diese Versuchungen und Begierden in ihren erhabenen Gestalten vereint. Sie strahlen von den kupfernen Spitzen ihrer Städte auf uns herab, während wir in Elend und Furcht in ihrem Schatten leben. Der herrliche Schein mag die Gläubigen und Furchtsamen täuschen, die in blinder Ehrfurcht zu unseren Herren aufsehen. Ich jedoch sehe, dass all das strahlende Licht lediglich über das Fehlen aller Tugenden hinwegzutäuschen sucht. Denn im Schatten des strahlenden und vom Ráth erwählten Herrschers wuchs unbemerkt der Tyrann heran, der aus dem ihm anvertrauten Volke Sklaven machte.

Wo sind unsere Götter? Wo ist die Gerechtigkeit des Ráth? Wo sind seine unsterblichen Boten, um die Grausamkeit der Herren zu bestrafen? Sind sie nichts als Märchen? Sind sie nichts als Lügen, ersponnen, um jeden in dieser „heiligen Ordnung“ willig an seinem Platz zu halten? Den Tyrannen auf dem Thron und das geknechtete Volk furchtsam und gläubig zu seinen Füßen?
Was ist die „Gnade der Götter“ dann in Wahrheit anderes als die willkürliche Herrschaft der Tyrannen, die keine Gnade kennen?
Sie erbauten ihr Reich auf unserem Rücken, durch unsere Hände Arbeit. Sie schrieben die Geschichte der Welt nach ihren Wünschen mit unserem Schweiß und Blut. Gläubig und treu dienten wir, die Köpfe furchtsam gesenkt vor der Strafe der Götter und der Dunkelheit, die über uns hereinbrechen sollte, wenn wir den rechten Pfad verließen. Im Geiste getröstet allein von der Hoffnung auf Erlösung nach dem Tod, wenn unsere ráthstreuen Seelen als Lichtgestalten zum Sternenpfad emporsteigen. Denn der Segen des Ráth allein ist es, der uns davor schützt, nach dem Tode vom Schatten verschlungen zu werden, und auf ewig im Reich der Dunkelheit verloren zu sein. So zumindest versprechen es uns jene, die von der Gnade der Götter und ihrer auserwählten Herrscher predigen.
Was nun aber, wenn wir es wagen, diese „Wahrheit“ zu hinterfragen? Was, wenn wir es gar wagen, die „heilige Ordnung“ zu hinterfragen, und die Illusion zerschlagen, in der sie uns gefangen hält? Was nun aber, wenn wir unseren Blick auf die Realität richten, die sich hinter dieser scheinheiligen Illusion verbirgt?
Was erhält die Herrschaft der Tyrannen aufrecht, wenn es keine Götter, keinen Ráth gibt, der über sie wacht? Der sie führt und über sie richtet?
Was erhält sie aufrecht, außer die stumpfe Akzeptanz eines geknechteten Volkes, das einzig durch die Macht seines falschen Glaubens, stumm das Leid erduldet?
Was nun aber, wenn das Volk es wagt, die Ketten dieses Glaubens abzuwerfen und die Macht der Tyrannen, ihrer falschen Legitimation beraubt, in Bedeutungslosigkeit versinkt? Würde die Macht nicht in die Hände des Volkes übergehen, das fortan – als seines eigenen Schicksals Schöpfer – frei wäre, seine Geschichte selbst zu schreiben?

Wäre der Tyrann erst seines Standes beraubt, den er sich durch Lügen und List erschlichen hat, gäbe es, wie in frühester Zeit, nichts als die Götter selbst, die über dem freien Volke stünden. Allein vor ihrem Antlitz wären alle Völker gleich – frei von Unterdrückern, frei von Unterdrückten. Aus diesem Grund müssen wir die „Idee“ der Götter bewahren. Denn obschon die „Götter“ womöglich nichts weiter als erfundene Märchengestalten sind, dient ihre „Existenz“ doch einem wichtigen Zweck. Die „heiligen Schriften“ beinhalten die Erfahrungen jener, die vor uns kamen. In ihren Geschichten erzählen sie uns von deren Weg zu jenem moralischen, zivilisierten Miteinander, das die Entwicklung unserer Kultur überhaupt ermöglichte. Daher wäre es töricht, jene „Botschaften“ und „Gebote“ aus Prinzip und eitlem Protest nun stattdessen völlig zu verwerfen.
Die Chluánnan sollen uns als mahnendes Beispiel der Verdorbenheit dienen, die von einem Besitz ergreift, wenn die ursprünglichen Tugenden vergessen werden und man sich den Versuchungen der Schatten hingibt. Sie dienen in der Tat als leuchtendes Beispiel der Verderbnis, die den Sterblichen befällt, wenn er sich selbst an der Götter Stelle – und somit über allen Geboten erhaben – wähnt. Denn was ist dieser dann anderes, als sein eigener Götze geworden, den er anbetet, wie einen Gott? Und wenn er sich selbst als Gott erachtet und von seinem eigenen Schein geblendet ist, wie soll er dann die Schatten sehen, die von diesem selbstsüchtigen Stolz angelockt, sich an den Begierden seines Herzens nähren?
Daher ist es wichtig, sich auf die acht Tugenden zu besinnen und diese im Herzen zu tragen, ehe man versucht, den Samen des neuen, freien Bewusstseins in eine Welt zu säen, deren Boden von unseren tyrannischen Herren durch Lüge und habgierigen Zorn vergiftet wurde.

Doch trotz meiner Hoffnung auf die Befreiung von der „heiligen Ordnung“, sehe ich genau in dem Potenzial einer daraus entstehenden, neuen Ordnung eine nicht unbedeutende Gefahr. Furcht und Hass lähmt das Volk und einzig sein Glaube hält es an seinem Platz. Doch der Unterdrückte darf nicht – ist er erst befreit – aus dem Irrglauben heraus, durch vergangenes, erlittenes Unrecht im Recht zu sein, seinerseits zum Tyrannen werden.
Denn dann sind wir nicht die Schöpfer einer neuen Zukunft, sondern bloß eine neue Speiche im Rad der Geschichte des Goldenen Zeitalters, das dazu verdammt ist, sich auf ein Neues zu wiederholen.

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