Der Lyrath
Der Lyrath bildet die Grundlage für die Mythologie und Lehren des Ráth, dessen Religion die vier Reiche des Kontinents Llhyrinth prägt. Dies ist die originale Version des Lyrath, so wie sie von Adáins Gefährten, den Begründern des Ráth, erstmals niedergeschrieben wurde.


Inhalt
Buch 1: Die Schöpfung der Welt
1. Der stille Schöpfer ⋅ 2. Die Götter der Welt ⋅ 3. Die große Geburt ⋅ 4. Die Ríntha
1. Mórakhar ⋅ 2. Die Geburt des ersten Schattens ⋅ 3. Die dunkle Macht ⋅ 4. Mórakhars Heer ⋅ 5. Der finstere Tod
1. Der Beginn allen Krieges ⋅ 2. Das Goldene Zeitalter ⋅ 3. Inseln des Lichts ⋅ 4. Die große Stille ⋅ 5. Die Geblendeten ⋅ 6. Das Zeitalter der Dunkelheit
1. Adáins Pein ⋅ 2. Vertrauen: Das silberne Licht des Vaters ⋅ 3. Aufbruch in die Dunkelheit ⋅ 4. Willenskraft: Das violette Licht der Göttin Íra ⋅ 5. Aufrichtigkeit: Das orangefarbene Licht der Göttin Isaéa ⋅ 6. Dankbarkeit: Das grüne Licht der Göttin Érin ⋅ 7. Gnade: Das blaue Licht des Gottes Nór ⋅ 8. Adáins Fall ⋅ 9. Bescheidenheit: Das rote Licht des Gottes Khéarun ⋅ 10. Vergebung: Das Cyanlicht des Gottes Aándo ⋅ 11. Liebe: Das goldene Licht der Mutter ⋅ 12. Das Licht, dem alles entspringt: Der Segen des Höchsten
Buch 5: Adáins Licht und Lehren
1. Der Keim des Lichtes ⋅ 2. Adáins Gefährten: Die Boten des Lichts ⋅ 3. Adáins Lehren I: Von Gefallenen und Geblendeten ⋅ 4. Adáins Lehren II: Von Gut und Böse ⋅ 5. Adáins Lehren III: Der Zyklus des Goldenen Zeitalters ⋅ 6. Die Seelenberge und das Licht der Welt
Buch 1: Die Schöpfung der Welt
1. Der stille Schöpfer
Am Anfang schuf der Höchste, der Ewige, er, der Vater und Mutter zugleich die Wiege allen Lebens ist, den unendlichen Himmel. Er, der aus jenem Licht besteht, dem alles entspringt und dessen Name nicht gesprochen werden kann, da er aus der ewigen Stille geboren ist, sprenkelte den Himmel mit Funken seines Lichts, um ihn zu erhellen. So entstanden die Sterne, die den Nachthimmel erleuchten.
Sie waren das erste Licht, das in der Dunkelheit erstrahlte und jene, die den Kopf zum Himmel heben, erfahren jene tiefe, namenlose Sehnsucht, die sie dorthin zurückruft. Zu jenem, der aus seinem Selbst die Kírya erschuf – Seelengestalten, denen er durch seinen Willen Leben einhauchte. Jene Kírya erfuhren sich selbst als Teil der Ewigkeit, als Funke des Lichts. Niemals geboren, niemals sterbend. Stets verbunden und vereint und doch jeder für sich.
2. Die Götter der Welt
Acht Seelen fanden sich, in denen der Wunsch entstand, es ihrem Schöpfer gleichzutun.
„Wir wünschen uns“, so sprachen sie, „zu erfahren, wie es ist, zu erschaffen und zu sein.“
Der Höchste schwieg, da er die Stille war, doch mit seinem Licht führte er die Hand der Acht und nach seinem Willen erschufen sie Form aus der Formlosigkeit des ewigen Seins. Sie gebaren die Welt, die Sonnen und die Monde, die Erde und das Wasser, Feuer und Luft.
Der Ewige sah, was die Acht erschaffen hatten, und ernannte sie zu den Wächtern dieser Welt. Ihre Aufgabe sollte es sein, ihre eigene Schöpfung zu behüten und zu bewahren, denn es war ihr Wunsch gewesen, der dieser Welt Form verliehen hatte. Diese Acht sind die Götter und Wächter dieser Welt und jeder von ihnen birgt einen Aspekt des Lichtes des Ewigen in sich. Denn sein Licht alleine enthält alle Farben. Er ist der eine, dem alles entsprang und das Licht, welches allem Sein das Leben schenkte. Dies ist der Grund, warum sich die sterblichen Wesen zu dem Lichte hingezogen fühlen und in ihm Trost und Hoffnung finden.
Die Acht teilten die Aufgaben unter sich auf, da keiner von ihnen allein dazu imstande war, ihre Schöpfung zu bewahren. Sie alle waren es gewesen, die diese Welt gemeinsam erschaffen hatten. Und ihrer aller Hände war nötig, um diese Welt zu hüten und im Gleichgewicht zu halten.
3. Die große Geburt
Als die Seelen aus dem Licht des Ewigen die Schöpfung der Acht erblickten, baten sie darum, auf dieser Erde wandeln zu dürfen. Sie wünschten sich eine Form, mit deren Sinnen sie die Welt und all ihre Wunder erfahren konnten.
Also schufen die Acht nach dem Willen des Höchsten die Pflanzen, Tiere und Völker, ein jedes nach seiner Art. Die Wesen wurden als Paar geschaffen, Mann und Frau, zwei Hälften des Ganzen, die miteinander vereint das Rad der Schöpfung weiter spannen.
Érin formte ihre Körper aus der Erde. Aándo spendete ihnen mit dem Wasser das Blut, das ihre Körper durchströmte. Isaéa hauchte ihnen ihren Atem ein. Khéarun schenkte ihnen sein Feuer, das ihre Körper erwärmte. Mythaír, die große Mutter, führte ihre unsterblichen Seelen sicher in ihre sterbliche Hülle. Und Fathaír, der große Vater, empfing sie im Tode, um sie zurück ins Licht zu führen. Íra, die Zeitlose, wachte über das Schicksal der Sterblichen, und der Richter Nór stellte sicher, dass ein jedes Geschöpf sich in die große Ordnung fügte und dort seinen ihm zugeteilten Platz einnahm.
Der Ewige selbst schenkte ihnen das Leben. Mit einem Funken seines Lichtes beseelte er ihre sterblichen Körper, die für die Zeitspanne eines Lebens auf der Erde wandelten, um danach zu ihm zurückzukehren. Der Körper zu der Erde und den Elementen, aus denen er erschaffen worden war, und ihre unsterbliche Seele, ihr Kírya, zu dem Licht, dem sie entstammten. So sind alle Wesen dieser Welt Kinder des Himmels und der Erde, des ewigen Lichtes und der vergänglichen Form des Leibes.
Dies war die große Geburt. Und mit ihr entstand der Tod, denn alles, was in Form geboren wird, muss eines Tages wieder vergehen und zu dem Licht zurückkehren, aus dem es entstand. Dies war der Beginn des ewigen Kreislaufes aus Leben und Tod, dem alle Geschöpfe unterworfen sind.
4. Die Ríntha
Während die große Mutter mit ihrem goldenen Licht der Sonnen den Kírya den Weg ins Leben weist, und der Vater sie nach dem Tode mit seinem silbernen Mondlicht zurück in die Ewigkeit geleitet, gestalteten die anderen Götter die Welt. Sie belebten diese mit ihren Geschöpfen und so kam es, dass ein jeder von ihnen ein Volk nach seinem Antlitz schuf und es mit seinen Gaben beschenkte.
Érin erschuf die Mérinan und schenkte ihnen die Gabe, die Erde selbst nach ihrem Willen zu formen. Aándos Geschöpfe, die Chluánnan, waren so wandelbar wie das Wasser selbst und dazu imstande, ihre eigene Gestalt nach Belieben zu verändern. Khéarun verlieh den Shraláanh die Gabe, wie das Feuer zwischen den Ebenen zu wandeln. Isaéa beschenkte ihre Geschöpfe, die Syrtéia, mit dem Segen, den Wind und die Klänge der Welt zu verstehen und zu beherrschen. Íras Volk, die Féa, besaß die Gabe, das Schicksal vorherzusehen und durch die Zeit zu wandeln. Und der Richter Nór verlieh seinem Volk, den Narhanór, die Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen und mit dem eigenen Willen Macht auszuüben.
Dies waren die Ríntha, die gesegneten Völker, die nach dem Willen ihrer Götter über diese Erde herrschen sollten. Wächter und Gärtner dieses göttlichen Gartens sollten sie sein, die die Schöpfung der Acht behüteten und führten. Sie waren es, die nach dem Ebenbild der Götter erschaffen waren, so wie die Götter selbst nach dem Ebenbild des Ewigen erschaffen waren – denn in ihm trugen sie sein Licht, seine Macht der Schöpfung und seine ewige Liebe, welche die gesamte Schöpfung verband und sie einst aus dem Nichts hatte entstehen lassen. Doch allein die Ríntha waren es, denen das Geschenk zuteilgeworden war, all dies in Form ihrer sterblichen Körper zu erleben und nach ihrem eigenen Willen auf dieser Welt zu wandeln.
Buch 2: Die dunkle Macht
1. Mórakhar
Die Acht gewährten den Ríntha die Freiheit, sich auf der Welt nach ihrem eigenen Willen zu bewegen und zu schaffen. Und die Ríntha behüteten den heiligen Garten und pflegten ihn, einträchtig und nach dem Willen ihrer Götter. Sie fühlten die Liebe des Ewigen in ihrem Herzen und wussten, dass sie mit der Welt und all ihren Geschöpfen durch ein und dasselbe Licht verbunden waren. So nutzten sie ihre Gaben, um die Welt zum Wohle aller zu gestalten und sie bauten Dörfer und lebten in Frieden zusammen.
Bis einer von ihnen, Mórakhar, sich eines Tages fragte, warum er die Früchte seiner Arbeit teilen sollte. Denn der Winter war hart gewesen und wie viele andere litt auch er großen Hunger. So begab es sich, dass Mórakhar das Essen, das er hätte gerecht unter seinesgleichen aufteilen sollen, für sich behielt. Er aß sich satt und die Reue, die er zunächst empfand, verschwand, da die Götter ihn nicht straften und sein Diebstahl unentdeckt blieb. So begann Mórakhar, erneut zu stehlen, und er verhöhnte die Götter mit seiner scheinbaren Demut, wenn er ihnen statt einem Schälchen Weizen Sand darbrachte. Vor allen Augen wahrte er den Schein, während die anderen hungerten und er sich im Geheimen satt aß.
2. Die Geburt des ersten Schattens
Bald schon begann Mórakhar, sich nicht mehr aus Not zu bereichern, sondern um seiner eigenen Begierde willen. In ihm wuchs ein Hunger heran, der sich durch keine Speise, keinen Trank und auch die schönsten Frauen nicht mehr stillen ließ. Mórakhar lauschte der Begierde, die sich zu einem dunklen Schatten verdichtete, der sich in seinem Herzen einnistete und ihm zuflüsterte, dass er allein etwas Besseres verdient habe, als einer unter vielen zu sein. Er alleine sei der Größte und Mächtigste in seinem Volk, welches in blinder Ergebenheit den Göttern diente.
Dies war die Geburt des ersten Schattens. Der dunklen Begierde, die niemals gestillt zu werden vermag und mit Neid und Habgier um sich blickt. Stets geht sie schwanger mit Zorn und Enttäuschung und gebiert diese, wann immer ihr die Erfüllung ihrer Wünsche verwehrt wird.
3. Die dunkle Macht
Mórakhar aber hörte auf den Schatten, der in seinem Herzen wuchs und ihm Glück und Lust versprach, wenn er seine Begierden stillte. Doch mit jedem Mal, da Mórakhar sich von ihm verführen ließ, wurde der Schatten in seinem Herzen größer und mit ihm die quälende Begierde, die nach und nach von ihm Besitz ergriff. Mórakhar verfiel dem Schatten, der von seinem unerfüllten Verlangen zehrte und sich daran nährte, während Mórakhar voll Habgier und Zorn auf die Welt blickte, die ihn nicht länger zu erfreuen vermochte. Doch es ist die Natur der Schatten, sich zu verbreiten und sich im Herzen jener, die ihnen lauschen, einzunisten. So kam es, dass jene, die Mórakhar zu nahe kamen, von seinem Schatten berührt wurden. Und auch in ihnen begann ein bislang unbekanntes Begehren heranzuwachsen. Mórakhar verführte sie mit seiner Lust, Gier, Habsucht und er vergiftete sie mit der Furcht vor Verlust und dem Tod. Denn im Tode, so wussten sie, würden sie alles verlieren, was sie im Leben an Reichtum erlangt hatten. Geblendet von ihren Wünschen und Ängsten, vergaßen sie, woher sie kamen und dass sie unsterbliche, in Liebe verbundene Seelen waren, die für die Zeitspanne eines Lebens auf dieser Welt wandeln durften, um danach ins Licht zurückzukehren. Dies sind die Schatten, die im Begehren der Sterblichen ihren Ursprung fanden. Sie sind die Geißel der Welt, deren dunkle Mächte das Böse gebar. Sie sind es, die gute Absicht in böse verkehren, die reine Herzen mit Selbstsucht vergiften, die Mut in Furcht verwandeln. Und aus ihrem Schoße entsprangen die Daémaran, Dämonen, der verdorbene Spross der Finsternis. Viele der Daémaran waren einst Geister und Wesenheiten der Natur, Diener der Götter, Daéva genannt. Doch jene, die mit der unheilvollen Macht der Schatten in Berührung kamen, waren nicht dazu imstande, ihr zu widerstehen, und sie wurden nacheinander vom Keim des Bösen vergiftet.
4. Mórakhars Heer
Mórakhar verfiel dem Schatten in seinem Herzen so vollkommen, dass dieser ihn ganz und gar in Besitz nahm und Mórakhar zu einer dunklen Kreatur verkam, die getrieben von ihren Begierden, ihrem Zorn und ihrer Furcht, keinen eigenen Willen mehr besaß. Er wusste nicht mehr um das Licht in seinem Herzen, denn sein Kírya, die Lichtgestalt seiner Seele, war von Dunkelheit bedeckt.
Rastlos zog er umher, getrieben von dem Neid, der Habsucht, dem Zorn und der Furcht, die ihn trieben und die auch jetzt sein Handeln bestimmten. In dem Versuch, seine Begierden zu stillen, nährte er den Schatten im Herzen der Sterblichen. Er versuchte, alles Gute zu verführen, dessen heller Schein in seinen Augen bloß scheinheiliger Tugendhaftigkeit entsprang. Eifersüchtig versuchte er, jene zu vergiften, die in seinen Augen all das im Leben erreichten, was ihm versagt geblieben war. Dabei lachte er über die selbstlosen, tugendhaften Sterblichen, die ihren Dienst an den Göttern verrichteten. Er verhöhnte sie, denn ihr scheinbar so ungetrübtes Glück weckte seinen Zorn und seinen Neid. Von Weitem musste er sie beobachten, denn sie hatten ihn aus ihrer Mitte verstoßen, um sich von seinem Schatten zu schützen. Nun war Mórakhar alleine und zunächst stießen nur wenige zu ihm, die ihm ihre Gefolgschaft schworen, da sie sich an seiner Seite Glück und Macht versprachen.
Mórakhar und seine Anhänger begannen, die Ríntha zu bekämpfen, die immer noch den Göttern dienten. Sie verhöhnten die Ideale und Ergebenheit der lichten Völker und unterstellten ihnen selbstsüchtige Absicht. Diese lichtvollen Völker, so sagte Mórakhar, würden den Göttern nur zu ihrem eigenen Nutzen dienen.
„In Wahrheit“, so sprach er, „sind sie allesamt verdorben, doch sie suhlen sich in ihrem Schein und halten sich für rein und gut. Mich haben sie verbannt, da ich ihnen ihre wahre Natur vor Augen halte. Ihre Scheinheiligkeit widert mich an und ich werde ihnen zeigen, was sie wirklich sind.“
Nach und nach scharten sich immer mehr Anhänger um Mórakhar und lauschten seinen rachsüchtigen Lehren. Sie bildeten Mórakhars dunkles Heer und die Schatten in ihren Herzen labten sich aneinander, um zu einer größeren, mächtigeren, dunkleren Macht zu verschmelzen.
5. Der finstere Tod
Mórakhar, wie auch sein Heer, verfielen also dem Schatten und vergaßen ihr wahres Selbst – und dass auch sie, im Grunde ihres seins, aus dem göttlichen Licht des Ewigen geschaffen waren. So begab es sich, dass sie selbst nach ihrem Tode nicht mehr von dem Schatten freigegeben wurden. Denn als sie starben und ihre sterblichen Hüllen wieder mit der Erde verschmolzen, aus der sie entstanden waren, blieb ihr Licht in dem dunklen Schatten gefangen, der sie umhüllte und von dem sie sich nicht lösen konnten. Zu sehr waren sie ihren weltlichen Begierden verfallen. Zu weit hatten sie sich von den Göttern entfernt, um den Weg zu ihnen zurückzufinden. Denn es war ihr Wille gewesen, der sie in die Dunkelheit geführt hatte und ihr Wille allein hätte ihnen den Weg ins Licht zurückgewiesen. So banden sie sich auf ewig an die Dunkelheit und verblieben im Schatten, wo sie, die Verdammten, die Verlorenen, das Werk fortführten, das Mórakhar begonnen hatte. In ihnen lebte all der Hass, die Furcht, die ungestillten Begierden, das Leid und der Schmerz fort, die Mórakhar in ihren Herzen erweckt hatte. So wuchs die dunkle Macht ihrer Schatten heran, vermehrte sich zu einer undurchdringlichen Finsternis, die dazu imstande war, Form anzunehmen und die Erde zu verdunkeln. Sie nistete in den dunklen Winkeln der Welt ein, wie auch in all jenen, die ihnen Einlass in ihr Herz gewährten. Immer wieder fand der verdorbene Samen dort fruchtbaren Grund, wo er zu sprießen begann und sein finsteres Werk tat. Und so begann sich Dunkelheit auf der Welt auszubreiten.
Buch 3: Das dunkle Zeitalter
1. Der Beginn allen Krieges
Immer mehr der Ríntha ließen sich von den Mächten der Schatten verführen. Von Mórakhar und seinem dunklen Heer aus rachsüchtigen, verzweifelten und von Begierden besessenen Seelen und Dämonen, die in der Finsternis hausten. Selbstsucht und Gier trieben sie an und oftmals versteckten sie ihre üble Absicht unter schönen Worten und scheinheiligen Gesten. Und jene leichtgläubigen und arglosen Seelen, denen derart Böses fremd war, ließen sich von der dunklen Macht täuschen und verführen. In ihnen fanden Mórakhars Schatten leichte Opfer. Sie gingen ahnungslos ins Verderben.
Dann gab es da noch jene, die sich willentlich von den Schatten verführen ließen, da sie sich Macht, Reichtum und die Befriedigung all ihrer Gelüste davon versprachen. Die einen waren unwissend, die anderen verdorben.
Jene aber, die sahen und verstanden, was geschah und sich im Angesicht des Bösen verbittert und verzagt von dem Guten und den Göttern abwandten, waren die Gefallenen. Denn sie sahen ihre Brüder und Schwestern in die Schatten gehen und sie taten nichts, um jenen zu helfen, die noch nicht verloren gewesen wären. Die Gefallenen klagten über das Leid und das Böse in der Welt, während sie dabei zusahen, wie es sich um sie herum vermehrte. Und das Böse labte sich an ihrer Hoffnungslosigkeit und Bitterkeit, mit der auch die Gefallenen letztlich den Schatten erlagen, die von ihnen auf ihre Art Besitz ergriffen hatten. Und so gingen auch sie verloren. Denn die Schatten labten sich an dem wachsenden Leid. An der Hoffnungslosigkeit, dem Zorn, der Furcht, an all den Begierden und dem Schmerz, die aus den Kriegen erwuchsen, in denen die Ríntha sich gegenseitig erschlugen. Denn der Schatten in ihrem Herzen ließ sie vergessen, wer sie waren und dass sie im Grunde demselben Licht entstammten. Stattdessen blickten sie auf alles, was sie trennte, und lobten ihre eigenen, von den Göttern gegebenen Gaben, die sie als Beweis ihrer eigenen Überlegenheit sahen, die ihnen das Recht zu herrschen gaben. So ergab sich ein nicht endenwollender Kampf um die Herrschaft der Welt und deren Länder, Reichtümer und Schätze.
2. Das Goldene Zeitalter
Längst hatten die Sterblichen vergessen, woher sie kamen und dass ihr Leben auf der Welt einst ein Geschenk der Götter gewesen war. Sie hatten vergessen, dass all ihr Besitz, ja selbst ihre Körper, bloß geliehen waren. Ein Tempel, der nach ihrem Tod der Erde zurückgegeben würde, die ihn erschaffen hatte. Daraus erwuchs eine tiefe Furcht vor dem Tod, den sie nunmehr als Ende aller Dinge sahen und den sie mit aller Macht zu bekämpfen suchten. Denn Mórakhars Schatten führte ihnen vor Augen, welches Schicksal sie dereinst im Dunkel des Todes erwartete. Die Sterblichen wussten um die Schrecken der Finsternis, und da sie das Licht in ihrem Herzen verloren hatten, gab es nichts, was ihnen Trost und Hoffnung spendete. In dem Versuch, sich auf Erden ein ewiges, unsterbliches, leuchtendes Reich zu erschaffen, das sie von ihrer Furcht, ihrem Leid und all ihren Begierden erlöste, begannen die Sterblichen, gewaltige, goldene Städte zu bauen, dessen Schein das Licht der Sonnen reflektierte. In diesem goldenen Schein suchten sie Schutz vor den dunklen Schatten, die nächtens durch die Straßen zogen und tagsüber außerhalb des Lichtes lauerten.
Berauscht von ihrer eigenen Macht und Herrlichkeit wandten die Sterblichen sich von den Göttern ab, die versuchten, sie zurück zur Ordnung zu rufen.
„Seht uns an“, riefen die Sterblichen aber den Göttern zu. „Wir haben das Licht in Besitz genommen und es leuchtet stärker und heller, als eures. Wir können es berühren und beherrschen. Wir können die Dunkelheit damit besiegen. Wir sind unserer eigener Herr und Herr über diese Welt und wir neigen vor niemandem das Haupt. Wir brauchen euch nicht. Geht hinfort und lasst uns in Ruhe.“
3. Inseln des Lichts
Und so gingen die Götter hinfort und nahmen ihre Segen mit sich, die sie den Sterblichen einst geschenkt hatten. Nur jene, wenigen, die ihren Göttern folgten und sich von dem Weg der Ménan abwandten, wie die Abtrünnigen genannt wurden, behielten den Schutz und den Segen ihrer Götter.
Fern von dem Chaos und dem Krieg, der unter den Ménanvölkern tobte, erschufen die Götter Inseln des Lichts, die ihre Kinder vor Mórakhars Schatten schützten, die sich auf der Welt ausbreiteten und sie mit Dunkelheit bedeckten. So dicht wurde die Dunkelheit, und so mächtig die Schatten, die in ihr hausten, dass sie die Welt wie finsterer Nebel bedeckte und das Licht der Sonnen trübte. Allein in den gesegneten Inseln des Lichts war der Himmel klar und hell und die Luft frisch und rein. Korn und Wasser waren nicht von Gift verdorben und die Ríntha waren nicht von Krankheit und Hunger geplagt. In den dunklen Landen aber herrschte Krieg und viel Geschrei, denn die Ménan hungerten und erschlugen sich in ihrem Kampf um Wasser und Land. Sie siechten dahin und ihre Körper wurden dürr von Hunger und bleich, weil das Licht der Sonnen ihre Gesichter nicht erreichte. Manche von ihnen versuchten, in die Länder der Ríntha zu fliehen, doch waren viele von ihnen nicht dazu imstande das Licht zu ertragen, das ihnen nach all der Zeit im finstren fremd geworden war.
4. Die große Stille
Und während die Ríntha nach dem Willen der Götter lebten und deren Stimmen lauschten, die sie führten und beschützten, überkam die Ménan eine große Stille. Denn sie hatten Augen und Ohren für die Zeichen und Stimmen der Götter verschlossen, und da sie nicht hören und nicht sehen wollten, verkümmerten ihre Sinne und sie wurden blind und taub und fühlten sich verlassen. Die Ménan verloren den Glauben an die Götter und die Inseln des Lichtes verkamen zu einer Legende. Denn kaum jemand wagte sich aus den Mauern der eigenen Städte hinaus, deren goldener Glanz in der Dunkelheit erstrahlte und die Schatten vertrieb, die in den dunklen Landen ihr Unwesen trieben. Wer in den dunklen Landen hauste, galt als verloren, als Aussätziger, Kranker, Dämon, als von den Schatten besessen.
5. Die Geblendeten
Die Ménan in den Städten aber glaubten fest daran, mit dem goldenen Licht ihrer prachtvollen Städte, Gewänder und Laternen die Schatten und die Dunkelheit beherrschen und besiegen zu können. Sie bemerkten nicht, dass es der Schatten in ihrem Herzen war, der sie mit dem goldenen Schein ihrer eigenen Eitelkeit und Arroganz verführte und sie dadurch gefangen nahm. So kam es, dass sich jeder selbst der Nächste war und blind für die Nöte der anderen allein die eigenen Begierden und Gelüste befriedigte. Sie kümmerten sich nicht um die Armen und Kranken auf den Straßen, noch um die Verlorenen in den dunklen Landen. Sie sahen wohl das Leid auf ihrer Welt, doch suchten sie die Schuld dafür jenseits des eigenen Herzens und der Mauern der eigenen Stadt. Blind für die Schatten und die Dunkelheit in ihrem eigenen Herzen, die dieses Unglück heraufbeschworen hatten, hielten sie sich selbst für unschuldig. Sie beklagten das Elend dieser Welt, die Heuchelei und die Herzlosigkeit und während die einen ihr Los beweinten, schworen andere, zu kämpfen, um die Welt mit ihrem Licht zu erhellen und all dem Leid ein Ende zu machen.
„Sie sind Schuld“, beklagten sie, und deuteten auf jene anderen Städte und Herren der anderen Länder, die, wie sie, voller Grausamkeit und Willkür herrschten. „Sie sind schuld, dass diese Dunkelheit über uns liegt und diese furchtbaren Schatten uns plagen. Sie müssen wir erschlagen, um uns selbst zu befreien.“
Dies waren die Kriege der Geblendeten, die im Namen ihrer eigenen Rechtschaffenheit kämpfen, um die Dunkelheit zu vernichten, deren Ursprung sie in der Verdorbenheit der anderen sahen. Mórakhar und seine Schatten jedoch frohlockten, war es ihnen doch endlich gelungen, die Herrschaft über die Welt an sich zu reißen. So kam es, dass das Böse im Namen des Guten und der Gerechtigkeit das Schwert in den finsteren Kriegen schwang, die die Erde mit Blut und Tod tränkte.
6. Das Zeitalter der Dunkelheit
Da jedoch kein Volk das andere zu überwältigen und den endgültigen Sieg zu erringen vermochte, riefen die Ménan die Daémaran zu Hilfen. Und als die dunklen Kreaturen gerufen wurden, kamen sie, um den Ménan im Kampf zur Seite zu stehen und um sich an ihrem Leid und dem Tod, den sie über ihre Feinde brachten, zu laben.
Aufgrund ihrer vernichtenden Macht wurden sie alsbald von den Ménan gefürchtet und verehrt und der Glaube und die Verehrung der Ménan vermehrte die Macht der Daémaran. So dunkel war die Welt geworden, dass die Daémaran dazu imstande waren, selbst am helllichten Tage Form anzunehmen und sich frei auf der Erde zu bewegen. Sie waren nicht mehr dazu gezwungen, sich in den Schatten vor dem Licht der Sonnen zu verstecken, da die herrschende Dunkelheit und der Glaube der Ménan sie nährte und beschützte. Bald schon brachten die Ménan ihnen Opfer dar, um den Hunger und die immerwährende zornige Gier der Daémaran zu stillen, und so wurden die finsteren Kreaturen verehrt, als wären sie die Götter der Welt.
Dies war das dunkle Zeitalter der Welt, in der Finsternis und Böses herrschte und alles Lebende in den dunklen Landen an Krankheit und Hunger litt. Großes Geschrei und Wehklagen herrschten in den dunklen Landen und die fernen Inseln des Lichts waren, wie auch die Götter, die sie schützten, in Vergessenheit geraten.
Buch 4: Adáins Reise
1. Adáins Pein
Inmitten der Herrschaft der Dunkelheit wurde Adáin, ein Königssohn, geboren, dessen Vater Tórdain gegen ein befeindetes Volk einen Sieg errungen hatte. Tórdain ließ die Bösen hinrichten. Auf dem Platz vor seinem Palast übergab er sie dem Feuer und noch während sie brannten und das Volk jubelte, schrien die Sterbenden voller Schmerz: „Jetzt hat das Böse uns besiegt! Jetzt ist die Welt wahrhaftig verloren!“
Adáin hörte ihre Worte und sah, wie ihre schattenhaften Seelen von der Dunkelheit verschlungen wurden. Betroffen dachte er über dieses Ereignis nach und fragte sich: Wie kann es sein, das die Bösen sich für gut und rechtschaffen halten? Und wenn jeder sich für gut und richtig und das eigene Wort für die Wahrheit hält, wer vermag dann noch das Gute vom Bösen zu trennen? Wer kann mir sagen, dass mir nach meinem Tode nicht dasselbe Schicksal blüht, obwohl ich mein Leben lang für das Gute gekämpft habe?
Lange lag er wach, in der Dunkelheit der Nacht und fürchtete sich vor den Schatten, die, von seiner Qual angelockt, in der Finsternis mit einem Mal sehr nahe rückten. Er hörte ihr Wispern und ihr Lachen, ihr Locken und Schmeicheln und fühlte ihren Griff um seine Kehle, wenn er versuchte, seine Ohren vor ihnen zu verschließen, um auf seine Fragen eine Antwort zu finden.
Was wäre, wenn das, was er für gut gehalten hatte, in Wirklichkeit böse war? Und was wäre, wenn jene, die meinten, die Wahrheit zu verkünden, diese gar nicht kannten? Wem konnte er dann noch glauben? Und wenn er, gleich, was er tat, dazu verdammt war, zum Schatten zu werden und es keine Erlösung gab aus diesem Leid, wozu sollte er denn dann noch kämpfen? Was war der Sinn seines Daseins, wenn es von Anfang an verloren gewesen war?
„Ich will nicht sterben“, weinte er. „Ich will nicht von der Dunkelheit verschlungen werden.“
2. Vertrauen: Das silberne Licht des Vaters
Nacht für Nacht rief er fortan in die Stille hinein, fürchtete sich und fühlte sich sehr allein. Nacht für Nacht war es die Stille, die blieb. Doch dieselbe Stille, die ihm keine Antwort gab, verschluckte nach und nach auch das Geschrei und Gestöhne der Schatten, sodass Adáin in dieser Stille einen ihm bislang unbekannten Frieden fand. In der Stille erschien ihm das Licht der Monde mit einem Mal unwirklich hell und er hob den Blick empor zum Himmel, wo er durch den trüben Schleier der ewigen Schatten die Sterne und Monde erblickte, denen er bislang noch keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
Unberührt von all dem Leid und der Finsternis auf der Welt leuchteten sie dort oben, ihr silbernes Licht unbefleckt und rein, und unerreichbar für Adáins sterbliche Hände.
„Ich kenne dich nicht“, rief er zum silbernen Licht empor. „Und vielleicht ist mein Rufen bloßer Wahnsinn. Doch wenn du mich hörst, wenn mich dort oben irgendjemand hört, so flehe ich dich an! Hilf mir und schenke mir dein Licht! Schenke mir die Hoffnung, dass es mehr als mein elendes Schattendasein hier auf Erden gibt und ich nicht ganz und gar verloren bin!“
„Ich höre dich“, antwortete eine Stimme, die hinter ihm erscholl. Adáin wandte sich um und erblickte den farblosen Kristall, der seinen Tisch schmückte. Ein silbernes Licht erhellte ihn, das Adáin Trost spendete. „Ich bin der Vater, der das Licht deiner Seele bewahren und nach deinem Tode heimwärts führen wird, wenn du sie von deinem Schatten reinigst.“
„Aber wie?“, fragte Adáin. „Wie soll ich mich von dem Schatten befreien? Ich kann die Finsternis in meinem Herzen nicht bezwingen.“
„Vertraue mir“, sagte der Vater. „Dann will ich dich führen.“
„Aber wie soll ich dir vertrauen?“, wiederholte Adáin. „Ich kenne dich nicht und ich habe Angst.“
„So gib mir deine Angst und überlasse mir deinen Zweifel. Bring sie mir als Opfer dar und ich will dir mit meinem Licht Hoffnung und Vertrauen schenken.“
Adáin tat, wie ihm geheißen, und er fühlte die dunkle Furcht in seiner Seele weichen. Sein Zweifel wich einem bislang unbekannten Vertrauen – dem Vertrauen, dass er den Weg zu finden vermochte, wenn er bereit war, ihn zu gehen.
Und als die Stimme des Vaters verstummte und die Monde bei Tagesanbruch vom Himmel verschwanden, war es allein das silberne Licht im Kristall, das blieb. Und das Adáin daran glauben ließ, dass die Begegnung wahr – und mehr, als nur ein Traum gewesen war.
3. Aufbruch in die Dunkelheit
Und als die Sonnen an diesem Tage aufgingen, richtete Adáin seinen Blick erneut zum Himmel empor. Er betrachtete das goldene Licht, das ihm mit einem Mal sehr hell vorkam und den goldenen Schein seiner Stadt stumpf und blass erscheinen ließ. Wie mächtig musste es sein, verglichen mit dem blassen Gold der Stadt! Wie mächtig gar, verglichen mit dem bleichen Licht der Monde!
„Ich kenne dich nicht“, rief er zu dem strahlenden Licht empor. „Doch wenn das Licht der Monde meine finstere Seele zu erhellen vermag, müsstest du die Dunkelheit mit deinem Strahlen doch mühelos hinwegfegen können! Zeig dich mir! Schenk mir dein Licht! Erlöse mich von meinem Leid!“
Doch Adáin erhielt keine Antwort. Zornig und gekränkt in seinem Stolz schüttelte er die Fäuste gen Himmel und verfluchte das Licht, das ihn mit seinem Schweigen verhöhnte. Und als die Nacht hereinbrach, kehrten die Schatten zurück und mit ihnen Adáins Furcht. Er klammerte sich an das silberne Licht des Kristalls und versuchte, die Schatten auf Abstand zu halten, die ihm höhnisch zuflüsterten, dass er ihnen nicht entkommen würde.
„Du hast gesagt, du würdest mich führen“, schrie er. „Dein Licht erhellt die dunkle Nacht. Kannst du die Schatten nicht vertreiben? Erlöse mich von meinem Leid!“
„Ich bin nur ein Funke von dem Licht des Höchsten“, antwortete das silberne Licht. „Nur eine seiner Farben. Ich allein kann die Schatten nicht vertreiben. Ich vermag es, dich durch die Dunkelheit auf den rechten Weg zu führen. Doch gehen musst du ihn selbst.“
„Dann sag mir, was ich tun muss“, verlangte Adáin zu wissen. „Sag mir, wohin ich gehen muss, um mich vor der Dunkelheit zu retten.“
„Du musst die goldene Stadt verlassen“, sagte das silberne Licht. „Denn hier wirst du keinen der anderen sieben Götter finden. Du musst hinausgehen und sie suchen in der Welt, und sie um ihren Segen bitten. Sammle ihr Licht in dem Kristall, bis er in allen Farben leuchtet. Denn nur das Licht, das alle Farben in sich trägt, vermag es, selbst den tiefsten Schatten zu erhellen.“
„Aber dort draußen herrscht die Dunkelheit“, wandte Adáin zögernd ein. „Und niemand mag an Götter glauben. Meine Eltern werden mich verstoßen. Man wird mich verspotten und verhöhnen und nicht mehr in die goldene Stadt hineinlassen, wenn ich erst vom Schatten verdorben bin. Ich werde allein und schutzlos sein. Die Daémaran werden mich mit Haut und Haar verschlingen.“
„Wenn du festhältst an dem Licht, so wird es dich beschützen vor allen bösen Mächten dieser Welt. Ich werde bei dir sein und dir den Weg durch die Dunkelheit weisen. Ob du ihn gehen willst, liegt jedoch an dir allein.“
Damit verstummte das Licht und es dauerte viele Tage und Nächte, bis Adáin dem silbernen Licht des Vaters seine Furcht und Zweifel opferte, Vertrauen fasste und sich alleine auf den Weg machte.
Wie er vorhergesehen hatte, verstießen ihn seine Eltern und er wurde verspottet für sein selbstgerechtes Tun. „Seht, er hält sich für etwas besseres“, riefen die Leute. „Ihm ist das Licht nicht gut genug, das wir erschaffen haben. Geh nur Prinz, doch wenn du einen Fuß vor die Stadt setzt, wirst du von den Daémaran dort draußen verschlungen. Du wirst schon sehen, was du davon hast.“
Adáin aber hielt an dem Vertrauen fest, das der Vater in ihm geweckt hatte. Und als er ging, schwor er, eines Tages bittere Rache an jenen zu nehmen, die ihn beleidigt und verstoßen hatten.
„Ihr werdet schon sehen“, versprach er ihnen, „wenn ich mich selbst mit dem Licht der Götter gerettet habe. Dann will ich zurückkehren und euch in die Finsternis stoßen, weil ihr mich verraten und über mich gelacht habt.“
4. Willenskraft: Das violette Licht der Göttin Íra
Die Reise führte Adáin hinaus aus der goldenen Stadt, hinein in das dunkle Reich der Schatten, die ihm hier, fern von dem hellen Schein seiner Heimat noch finsterer und bedrohlicher erschienen. Bald schon bereute Adáin seinen Entschluss und beweinte seine Einsamkeit, sowie all das Unglück, das ihm auf seiner Reise widerfuhr, die länger und beschwerlicher war, als er sich vorgestellt hatte. Er wünschte, er wäre niemals aufgebrochen, und müsste all seine gewohnten Genüsse nicht vermissen.
„Zuhause“, seufzte er, „könnte ich mich mit den Frauen vergnügen, essen und trinken und mich an dem goldenen Schein meiner Stadt ergötzen. Warum habe ich mich dazu hinreißen lassen, dem bleichen Licht des Mondes hinaus in die Finsternis zu folgen?“
Und als er zu zweifeln und das silberne Licht zu verspotten begann, das ihn hierher geführt hatte, erlosch es und ließ ihn alleine und verloren in der Finsternis zurück. Tage und Nächte irrte Adáin herum, ohne zu wissen, wohin er gehen sollte und die Schatten rückten so dicht an ihn heran, dass er fürchtete, sie würden ihn verschlingen. Von seiner Furcht angelockt erschien ein Daémar, der ihn mit seinem kalten Leib umhüllte und begann, sich an Adáins Schmerz und Lebenskraft zu nähren.
„Wo bist du?“, schrie Adáin da voller Furcht zu den Monden empor, deren Licht unberührt von der Dunkelheit hoch über ihm erstrahlte. „Du hast versprochen, mich zu führen! Du hast versprochen, mich zu schützen!“ Doch erst, als Adáin sich auf die Knie warf und den Vater um seine Rückkehr anflehte, erstrahlte dessen silbernes Licht in dem Kristall und vertrieb den gierigen Daémar, der eilig in die Schatten floh.
Und in der Dunkelheit ertönte die sanfte Stimme des Vaters: „Ich war niemals fort, mein Kind. Doch du hast dein Vertrauen in mich verloren und Augen und Ohren vor mir verschlossen. Wenn du mein Licht nicht sehen und meine Stimme nicht hören willst, musst du alleine durch die Schatten irren.“
Also raffte Adáin sich auf und folgte dem silbernen Licht bis zu einem hellen Reich, das von einem Volk bewohnt wurde, das er nicht kannte. Sie besaßen blasse Haut und spitze Ohren und Augen von tiefstem Violett, das ihn an den sternklaren Nachthimmel erinnerte. Féa nannten sie sich, wie er erfuhr, und ihre Frauen waren dank der Kraft ihrer Göttin dazu imstande, durch die Zeit zu wandeln.
„Du wirst das Licht entzünden“, sagte ihm eine der Frauen. „Wenn du es schaffst, deine Reise bis zum Ende zu gehen und deine eigenen Schatten zu besiegen, wirst du uns allen die Hoffnung wieder bringen und das dunkle Zeitalter beenden.“
„Ich kann das nicht”, schluchzte Adáin. „Diese Reise ist zu hart, sie verlangt mir zu viel ab. Ich will ausruhen und mich von all der Mühsal erholen. Ich kann keinen weiteren Schritt mehr tun.“
Die Féa brachten ihn zu dem Tempel im Zentrum ihres Reichs, dessen Spitze in hellem, violettem Licht erstrahlte.
„Bete zu Íra, unserer Göttin“, sagten sie ihm. „Aber bedenke, du kannst von einem Gott nichts fordern. Bitte sie um ihren Segen, dann wird sie dich erhören, wenn du bereit bist, ihr zu dienen.“
Adáin war nicht bereit, zu dienen, noch wollte er den Kopf in Ehrfurcht senken.
„Dann“, sagten die Féa, „wird sie dir nicht helfen und du musst unser Reich verlassen. Denn noch bist du dunkel und voller Schatten und bringst uns alle in Gefahr.“
Zornig und enttäuscht kehrte Adáin zum Tempel zurück, da er nicht mit leeren Händen gehen und auch nicht zu seiner anstrengenden Reise zurückkehren wollte. Damit die Féa ihn bleiben ließen, tat er zum Schein, als wolle er beten und labte sich an ihren Speisen und Getränken, bis er satt und trunken keinen Fuß mehr vor den andren setzen konnte. Er genoss sein träges Leben, bis ihn im Schlaf die Schatten heimsuchten, die ihn verhöhnten und ihm zuflüsterten, dass er ihnen bald ganz und gar gehören würde. Denn wenn er starb, würden sie kommen, ihn zu holen, ganz gleich, wie lichtvoll das Reich war, in dem er sich versteckte.
Furchtsam beweinte Adáin sein Los und betete zum ersten Mal in vollem Ernst zu der Göttin.
„Ich kenne dich nicht“, sagte er, „Doch wenn es dich gibt, so bitte ich dich: Hilf mir und zeige mir, wie ich mein Schicksal tragen kann. Ich bin zu schwach, um den Weg zu gehen, den der Vater mir wies.“
„Ich bin Íra, die Zeitlose“, antwortete die Göttin. „Opfere mir deine Trägheit, so will ich dir meinen Segen geben und dir Willensstärke schenken, die dir die Kraft gibt, um dein Schicksal zu ertragen.“
Adáin wand sich voller Furcht und wagte es nicht, der Göttin das Opfer zu bringen.
„Warum“, rief er, „ist es so schwer? Warum graut mir so sehr davor, dir einen Teil von mir zu geben?“
„Es ist der Schatten in deinem Herzen, der dich gefangen hält“, antwortete die Göttin. „Er will, dass du ihm dienst. Opfere ihn mir, so will ich dich von ihm erlösen.“
Adáin musste hart dafür arbeiten, um dem Willen der Göttin zu folgen und ihr seine Trägheit zu opfern, die bisher dunkel und schwer auf seinen Schultern gelegen hatte. Als er es tat, schenkte sie ihm ihren Segen und füllte seinen Kristall mit ihrem Licht.
Beschwingt von dem Vertrauen, dass er seinen Weg finden würde und dass er nun auch die Willenskraft besaß, um diesen Weg bis zum Ende zu gehen, verließ Adáin das Reich der Féa, um das Licht der Götter für sich zu erobern und seine Seele zu retten. Er lachte über dummen Féa, die ihm auf seiner Reise Glück wünschten und ihm weissagten, dass er die Dunkelheit der Welt bezwingen und ihre Völker retten würde.
Warum sollte er sie retten? Warum sollte er ihnen das Licht so einfach überlassen, das er sich selbst so hart erkämpfen musste!
„Wenn ihr euch selbst nicht retten könnt“, sagte er ihnen zum Abschied, „So habt ihr es auch nicht verdient, gerettet zu werden. Es ist eine harte, grausame Welt und ich kann mir nicht leisten, mich auch noch um jemand andren als mich selbst zu kümmern.“
5. Aufrichtigkeit: Das orangefarbene Licht der Göttin Isaéa
Willensstark und voll Vertrauen, dass er das Licht der Götter erlangen würde, durchschritt Adáin die von Finsternis, Krankheit und Kummer geplagte Welt. Das Schreien und Weinen der Verlorenen begleitete seinen Weg und immer wieder traten schattenhafte Kreaturen an ihn heran und fragten nach seinem Licht. Sie baten ihn, es sehen zu dürfen, doch Adáin versteckte es und stieß sie fort.
„Ich habe kein Licht“, wies er sie scharf zurück. „Ich kann euch nicht helfen. Geht zurück in den Schatten, wo ihr hingehört und belästigt mich nicht. Ich lasse mich nicht von euch verderben.“
Wütend, dass diese erbärmlichen Kreaturen ihn nicht in Ruhe ließen, sandte Adáin sie schließlich fort, tiefer in die Dunkelheit hinein.
„Dort“, versprach er ihnen. „Geht nur dorthin. Dort findet ihr das Licht.“
Und die Verlorenen verließen ihn und folgten dem Weg, den er ihnen wies. Adáin lachte triumphierend und zog seines Weges, stolz, dass seine List geglückt war. So gelangte er unbehelligt zu einem Volk, das im hohen Norden in einem vom Licht erhellten Reich lebte.
Es war ein Volk, das ihm fremd war und das nichts mit den Ménan gemein hatte, die er je in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte. Die Körper der Syrtéia, wie sie sich nannten, waren überzogen von perlmuttfarbenem Fell und ihre Sprache erinnerte Adáin an den Wind, der in seinen Ohren sang.
Die Syrtéia wollten ihn nicht in ihr Reich lassen und ihn zurück in die Dunkelheit stoßen, aus der er zu ihnen gekommen war. Und erst, als Adáin ihnen sein Licht zeigte, das in dem Kristall brannte, waren sie bereit, ihn anzuhören.
„Lasst mich zu eurer Göttin beten“, sagte er ihnen. „Dann will ich euch etwas von meinem Licht dafür geben. Es wird euch vor den Schatten beschützen und euch Macht verleihen.“
Die Syrtéia glaubten seinen Lügen und führten ihn zu dem Tempel, der ihm Herzen ihres Reiches stand und es mit seinem warmen, orangefarbenen Licht erhellte.
Dort betete Adáin zu der Göttin, die ihm jedoch keine Antwort gab. Viele Tage und Nächte verharrte er dort, in ihrem Tempel und versuchte, sie mit schönen Worten zu verführen und dazu zu bringen, sich ihm endlich zu zeigen. Er versprach ihr, dass er sich ihr hingeben und ihr alleine seinen Glauben schenken wollte. Er versprach ihr, ihrem Volk sein Licht zu schenken. Doch die Göttin schwieg und Adáin fiel schließlich vor ihr auf die Knie.
„Was verlangst du von mir?“, schrie er verzweifelt. „Was muss ich tun, damit du mir erscheinst?“
„Bring mir all deine Lügen auf meinem Altar dar“, ertönte da die Stimme der Göttin wie leiser Wind an seinem Ohr. „Opfere sie mir, eine nach der anderen, dann will ich dich mit Aufrichtigkeit segnen und dich von deiner Verblendung befreien, damit du Wahrheit von Lüge zu trennen vermagst.“
„Ich will tun, was du mir befiehlst“, antwortete Adáin sofort, doch die Göttin lachte nur.
„Das ist eine Lüge“, flüsterte sie. „Ich bin Isaéa, die Herrin über Luft und Himmel. Und du kannst mich nicht hintergehen. Denn ich sehe in dein Herz hinein und jeder deiner Atemzüge ist erfüllt von Lügen und Verrat.“
„Das ist nicht wahr“, widersprach Adáin, der von den Worten der Göttin zurückschrak. Wieder lachte sie.
„Es ist wahr“, gab sie zurück. „Doch du selbst erkennst die Lügen nicht, die dir dein eigener Schatten erzählt und dich mit ihnen gefangen hält.“
„So nimm sie denn“, sagte Adáin, da er sich sicher war, dass er sich selbst bis in den Grund seiner Seele kannte und dass er von der Wahrheit der Göttin nichts zu befürchten hatte. „Ich will dir meine Lügen opfern. Befreie mich von ihnen und schenk mir deinen Segen.“
Die Göttin umhüllte ihn mit ihrem Licht und durchdrang sein ganzes Sein mit ihrer Wahrheit. Adáin schrie auf und brach auf dem Boden zusammen, denn ihm war, als hätte sie ihm seine Seele aus dem Leib gerissen und nichts, als eine leere Hülle an seiner statt zurückgelassen. Weinend blieb er vor ihr liegen, als er erkannte, wer er war. Und dass alles, was er je von sich geglaubt hatte, eine einzige Lüge war. Er erkannte seine Schatten, seine Fehler, seine eigene Verdorbenheit, die bisher hinter dem goldenen Antlitz des schönen Scheins verborgen gewesen waren, den er von sich erschaffen hatte. Den er bislang für gut und rein erachtet hatte.
„Aber wenn all das nur eine Lüge war“, weinte er, „Was bleibt dann noch von mir? Wer bin ich?“
„Das herauszufinden soll deine Aufgabe sein“, erwiderte die Göttin und erhellte seinen Kristall mit ihrem Licht. „Und wenn du deine Augen und deinen Mund nicht mehr vor der Wahrheit verschließt, so will ich dir helfen, sie stets von der Lüge zu trennen.“
Adáin verließ die Göttin und schämte sich, weil er den Syrtéia gestehen musste, dass er sie belogen hatte. Denn selbst wenn er sein Licht mit ihnen hätte teilen wollen, wäre er doch nicht dazu imstande gewesen, denn er wusste nicht, wie er das anstellen sollte. Er musste fliehen, weil die Syrtéia ihn in ihrem Zorn erschlagen wollten, und kam nur knapp mit dem Leben davon.
„Eines Tages“, schwor er bitter, „werde ich euch heimzahlen, dass ihr mich wie einen Hund gejagt habt, obwohl ich euch die Wahrheit gesagt habe.“
6. Dankbarkeit: Das grüne Licht der Göttin Érin
Auf seiner Reise durch die Dunkelheit begegnete Adáin erneut den Verlorenen, die in den Schatten gefangen waren. Manche flohen vor seinem Licht, doch andere bedrängten ihn, sie mit seinem Licht zu segnen, sie zu erlösen und ihnen den Weg zu weisen.
„Dies ist mein Licht“, sagte er ihnen und stieß sie von sich, zurück in die Dunkelheit. „Ich habe es für mich selbst von den Göttern errungen und selbst, wenn ich wollte, könnte ich es euch doch nicht geben.“
Er erkannte, dass sie ihn für seine grausame Wahrheit hassten und fürchteten, doch er schämte sich nicht dafür. Denn sie waren nichts weiter als schmutzige und verdorbene Kreaturen, die es nicht verdient hatten, gerettet zu werden. Er ließ sich von dem Weinen und Schreien, das um ihn in der Dunkelheit erscholl nicht beirren, und setzte seinen Weg fort, bis er das Reich der Mérinan erreichte, das von dem grünen Schein der Göttin Érin beschützt wurde.
„Ich stelle keine Gefahr für euch dar“, erklärte er den Mérinan, die ihn, der aus dem Reich der Schatten kam, voller Furcht und Misstrauen beäugten. „Seht, ich trage hier das Licht der Götter bei mir und ich bin gekommen, um zu eurer Göttin zu beten.“
Neugierig auf das Licht, das er da bei sich trug, führten die Mérinan ihn zu dem Tempel ihrer Göttin, der im Herzen ihres Reiches stand. Und da er wusste, dass ihm sein Licht den Weg erkaufte, zeigte Adáin es ihnen und wurde für den farbenfrohen Kristall in seinen Händen bewundert.
Auf seinem Weg durch das Reich erblickte Adáin die Werke, die von den Mérinan geschaffen worden waren. Er erfuhr, dass sie dank der Macht ihrer Göttin dazu imstande waren, die Erde zu beherrschen. Die Häuser und Statuen zeugten von einer unglaublichen Kunstfertigkeit und von der Macht, die den Händen dieses Volkes innewohnte.
Neidisch dachte Adáin an all die anderen, von den Göttern gesegneten Völker, die er bisher gesehen hatte. Sie alle trugen Kräfte in sich, von denen er nur träumen konnte.
„Wenn ich die Erde so beherrschen könnte, wie dieses Volk“, sagte er sich, „Ich könnte mir die ganze Welt untertan machen und eine Stadt bauen, die weit prächtiger ist, als jene meiner Vorfahren.“ Er betrachtete die gewaltigen Bauwerke der Mérinan und kam sich klein und unbedeutend vor.
So kam es, dass Adáin in Érins Tempel nicht um den Segen ihres Lichtes, sondern um die Macht ihres Volkes bat.
„Ich will dich anbeten“, sagte er, „Doch gewähre mir dafür die Kraft, die Erde zu beherrschen, wie dein Volk es kann.“
Adáin betete zu der Göttin aus vollem Herzen, doch er erhielt keine Antwort. Tage und Nächte verharrte er in ihrem Tempel und seine Verzweiflung wuchs, bis er sich vor ihr auf die Knie warf.
„Was muss ich tun“, weinte er, „damit du mich erhörst? Was verlangst du von mir?“
„Bring mir deine Habgier als Opfer dar“, erscholl ihre Stimme aus den Tiefen der Erde. „Und gib dein gieriges Verlangen auf. Dann will ich dich mit Dankbarkeit segnen.“
„Dankbarkeit!“, schrie Adáin verächtlich. „Wofür soll ich dankbar sein! Ich besitze nichts! Ich habe keine Macht! Ich bin ein armer, verstoßener Prinz, der seinen eigenen Schatten nicht entfliehen kann! Gib mir die Macht deines Volkes, dann will ich dankbar sein und mich damit zufrieden geben!“
„Du wirst niemals zufrieden sein“, erwiderte die Göttin. „Denn solange der Schatten deiner Habgier dich gefangen hält, wird er immer mehr und mehr begehren. Es ist eine Gier, die niemals gestillt werden kann. Es ist eine Suche, die niemals enden wird. Und du wirst auf ewig unglücklich sein.“
„Also verlangst du“, sagte Adáin, „Dass ich dir alles, was ich will, zum Opfer bringe. Wenn ich das tue, was bleibt dann noch von mir übrig? Und welcher Antrieb bleibt mir, der mich auf meiner Reise führt?“
„Wenn die lauten Begierden deiner Schatten verstummen, wirst du die leise Stimme deiner Seele vernehmen, die dir dein wahres Sehnen offenbaren wird.“
„So nimm sie denn“, gab Adáin auf, da er nicht mit leeren Händen gehen wollte. „Ich will dir meine Habgier als Opfer darbringen, auch wenn du mir nichts als dein Licht dafür gibst.“
Das grüne Licht der Göttin umhüllte ihn und erfüllte den Kristall, den Adáin achtlos vor sich auf den Boden gelegt hatte. Und plötzlich wurde ihm die Gnade bewusst, welche die Götter ihm gewährt hatten. Jeder von ihnen hatte sein Flehen erhört und ihn mit dem Licht beschenkt, das ihn durch die Dunkelheit sicher bis hierher geführt hatte.
„Ich bin wahrhaftig gesegnet“, erkannte er und nahm den Kristall ergriffen in die Hände. „Ihr habt mir meinen Schmerz genommen und meine Furcht gelindert, obwohl ich nur ein Fremder, ein Verlorener war, der euch nichts, als seine Schatten brachte. Ihr habt mich erhört, obwohl ich nicht einmal eure Namen kanne. Ich danke euch.“
Damit verließ er Érins Tempel und bedankte sich bei dem Volk der Göttin für deren Gastfreundschaft. Dann machte Adáin sich wieder auf die Reise, um den Segen der anderen Götter zu erbitten und seine Seele von all ihren Schatten zu befreien. Denn nun konnte er deutlich fühlen, dass es jenseits seiner Furcht vor der Dunkelheit und dem Drang, sich zu erlösen, noch etwas anderes gab, das ihn auf diese Reise zog und ihn dazu drängte, sie zu vollenden. Adáin wusste nicht, woher der Ruf kam, doch er erkannte, dass er ihm folgen musste – wohin auch immer er ihn führte.
7. Gnade: Das blaue Licht des Gottes Nór
Einmal mehr musste Adáin in das finstere, von Krankheit und Leid geplagte Reich der Finsternis, in der ihn die verlorenen und verdorbenen Seelen erwarteten. Diebe, Mörder, Lügner und aller Abschaum dieser Welt traten an ihn heran und suchten ihn heim. Sie verlangten sein Licht und manch ein Kranker flehte ihn um Erlösung an.
Adáin stieß sie in den Schatten zurück und das helle Licht beschützte ihn vor den bösen Kräften der Verdorbenen, die versuchten, ihm das Licht zu nehmen und ihn mit sich ins Verderben zu reißen.
„Verschwindet!“, schrie er ihnen zu. „Ihr verdorbenen Kreaturen! Wenn ihr das Licht wollt, dann macht euch auf die Reise und rettet euch selbst, wie ich es getan habe.“
„Das können wir nicht“, weinten die Elenden, die hinter ihm in der Dunkelheit zurückblieben. „Wir sind verloren und wir haben keine Hoffnung, den Weg allein zu finden.“
„Dann geschieht es euch recht“, rief Adáin voller Verachtung. „Selbst wenn ich euch helfen könnte – warum sollte ich es tun? Ihr habt euch in eurem Elend gesuhlt und euch euren Schatten hingegeben, also seht, was ihr nun davon habt. Ihr seid schwach und so sehr von euren Schatten verdorben, dass ihr es nicht verdient habt, gerettet zu werden. Geht an eurem Leid zugrunde, wenn ihr euch nicht davon befreien wollt.“
Damit wandte er sich von ihrem Schreien und Stöhnen ab und durchwanderte die trostlose Finsternis, bis er ein Land erreichte, das von schützendem, blauen Licht erhellt war. Dort lebten die Narhanór unter dem Segen ihres Gottes Nór, dem Richter. Dieses Volk war dazu imstande, im Geiste eines anderen die Wahrheit zu erkennen und mit ihrem Willen Macht auszuüben.
Wieder zeigte Adáin seinen von farbenfrohem Licht erhellten Kristall, schwor den Narhanór, dass er ihnen nichts Böses wollte und bat sie, ihn zu ihrem Gott zu führen, damit er ihn anbeten konnte. Als die Narhanór ihn durch ihr Reich führten, sah Adáin in dunkle Lumpen gewandete Gestalten, die am Rande ihrer Städte hausten.
„Das sind Verlorene aus dem Schattenreich“, wandte er sich verwundert an seine Führer. „Sie sind krank und verdorben. Warum lasst ihr sie herein?“
„Weil sie darum gebeten haben“, erklärte ihm einer. „Und weil wir sehen, dass sie leiden und ihrem Los aus eigener Kraft nicht entkommen können.“
„Aber sie bringen mit ihrer Verderbtheit euer lichtvolles Reich in Gefahr“, gab Adáin zu bedenken.
„Mag sein“, stimmte ein anderer zu. „Aber wenn wir uns von ihnen abwenden und ihre Grausamkeit mit Grausamkeit vergelten, werden wir selbst dem Schatten verfallen. Denn sie wissen es nicht besser, doch wir kennen Gut und Böse und die Entscheidung liegt daher in unserer Hand.“
„Aber Nór ist doch der Richter“, fragte Adáin weiter, da er ihre Worte nicht verstand. „Und ist es nicht gerecht, jedem seinem Schicksal zu überlassen, das er sich durch seine eigenen Taten verdient hat? Verstoßt ihr nicht gegen den Willen eures Gottes?“
Doch die Narhanór lächelten nur und wiesen ihm den Weg zum Tempel.
„Geh“, sagten sie. „Und frag ihn selbst.“
Also betrat Adáin den Tempel des Gottes und betete zu ihm, auf dass Nór ihm den Segen seines Lichtes schenkte.
„Warum sollte ich dir meinen Segen geben?“, fragte ihn der Gott. „Durch deine eigenen Taten hast du dich in den Schatten verloren. Und du hast nichts getan, um deine Taten wiedergutzumachen und meine Gnade zu verdienen. Wäre es nicht gerecht, dich deinem Schicksal und deinen eigenen Schatten zu überlassen?“
Als Adáin die Worte des Richters hörte, durchzuckte ihn eisige Furcht und er fiel vor dem Gott auf die Knie.
„Gnade“, flehte er. „Hab Erbarmen, ich bitte dich. Ohne dein Licht bin ich verloren.“
„So bring mir deine Unbarmherzigkeit als Opfer dar“, erwiderte der Richter. „Dann will ich dir meinen Segen geben und es soll durch meine Gnade Recht geschehen.“
Adáin tat, wie ihm geheißen und als ihn das Licht des Gottes umhüllte und seinen Kristall erfüllte, begriff er, wie grausam er bisher gehandelt hatte. Und dass allein die Gnade der Götter ihn davor bewahrt hatte, das Schicksal der Verlorenen zu teilen.
„Ich war genauso wie sie“, erkannte er, als er sich durch das Reich zur Grenze aufmachte und die dunklen Gestalten betrachtete, die im Lande des Richters Zuflucht suchten. „Ich habe es nicht besser gewusst, weil meine Schatten mich geblendet hatten. Ich habe kein Recht, sie zu verurteilen.“
8. Adáins Fall
So geschah es, dass Adáin den Verlorenen im Schattenreich nicht länger mit Verachtung und Unbarmherzigkeit begegnete. Immer wieder sammelten sich ihre dunklen Gestalten um sein Licht und flehten ihn um Hilfe und Erlösung an. Stolz auf seinen leuchtenden Kristall und die Tugenden, derer er sich preisen konnte, predigte Adáin ihnen: „Seht mein Licht, ihr armen Kreaturen! Ich allein habe die Welt bereist und euch das Licht in die Dunkelheit gebracht! Und jetzt kenne ich den Weg, der euch Erlösung bringt! Hört auf mich, dann will ich euch helfen!“
Die Verlorenen glaubten seinem Wort und begannen, ihm zu folgen und ihn anzubeten. Und Adáin erfreute sich an ihrer Ergebenheit und weil er überzeugt war, ein gutes Werk an ihnen zu tun, hörte er auf, nach dem nächsten Gottesreich zu suchen. So verblieb er in der Dunkelheit mit einer wachsenden Schar ergebener Diener, die in seine leuchtende Gestalt all ihre Hoffnung setzten.
„Höre, Adáin“, sprach da zum ersten Mal der Kristall zu ihm, als Adáin zum wiederholten Male seinen Kristall in die Luft hob und dessen Licht erstrahlen ließ. „Du bist vom Weg abgekommen. Kehre um. Wenn du dich weiter deinen Schatten hingibst, wirst du auch unser Licht verlieren.“
„Was sagt ihr da?“, fragte Adáin erbost. „Von welchen Schatten sprecht ihr? Ich tue hier ein gutes Werk. Ich führe diese Verlorenen zum Licht und gebe ihnen jenen Segen, den ihr mir gegeben habt. Ich tue euren Willen, hier in diesem Reich, den ihr den Rücken gekehrt habt!“
„Dies ist dein Wille, nicht der unsere“, wies ihn der Kristall zurecht. „Denn du missbrauchst unsere Namen für deinen selbstsüchtigen Stolz. Du kannst ihnen keine Erlösung bringen und ihnen keinen Segen geben. Und du führst diese Verlorenen nicht zu unserem Licht, du blendest sie mit deinem Schein.“
Gekränkt und erbost von diesen Anschuldigungen wandte Adáin sich von ihnen ab.
„Wie könnt ihr es wagen!“, schrie er. „Nach allem, was ich erlitten und geopfert habe! Nach all den Segen, mit denen ich meine Seele geläutert habe! Und ihr sagt mir, ich könne diese Verlorenen nicht durch die Dunkelheit führen, die ich besiegt habe?“
„Du bist ein Blinder“, sagte der Kristall. „Geführt und beschützt allein von unserem Licht. Du folgst dem Weg, den wir dir weisen, weil du ihn selbst nicht kennst.“
„Ich habe mir dieses Licht verdient“, gab Adáin stolz zurück. „Es gehört mir und es liegt in meiner Macht, es zu vergeben.“
„Du bist verblendet von deinem Stolz“, wisperte Isaéas Stimme. „Und du belügst dich selbst und alle, die dir folgen.“ Und das orange Licht erlosch.
„Du bist habgierig geworden und lechzt nach Bewunderung und Macht über all jene, die dir folgen“, sprach Érin und das grüne Licht erlosch.
„Du bist träge geworden und labst dich faul an den Gaben, die deine Diener dir darbringen, ohne selbst auch nur eine Hand zu rühren“, ließ Íra sich vernehmen und das violette Licht erlosch.
„Du erweist diesen Verlorenen keine Gnade, indem du sie betrügst und in die Irre führst, um dich an ihrem Glauben zu ergötzen“, erklang die Stimme Nórs und das blaue Licht erlosch.
„Du hast dein Vertrauen in unsere Führung verloren“, sprach da die Stimme des Vaters. „Dein Herz ist voller Zweifel und Furcht, etwas zu verlieren, das du nie besessen hast.“
„Bitte“, flehte Adáin grauenerfüllt und nur schwach erhellt von dem silbernen Schein, der ihm geblieben war. „Verlass mich nicht.“
Doch nachdem ein Gott nach dem anderen vor seinen Augen verschwunden war, konnte er nicht daran glauben, dass der Vater bei ihm bleiben und ihm in seiner einsamen Verzweiflung beistehen würde.
„Ich bin allein“, flüsterte er voller Furcht. „Ich habe alles Licht verloren.“
„So sei es denn“, sagte der Vater und das silberne Licht erlosch.
9. Bescheidenheit: Das rote Licht des Gottes Khéarun
Als Adáin sein Licht verlor, verließen ihn seine Anhänger, einer nach dem anderen. Sie hießen ihn einen Betrüger und jagten ihn mit Schlägen und Tritten hinfort. Einsam, frierend, hungrig und verloren irrte Adáin durch die Dunkelheit, ohne zu wissen, wohin er seine Schritte lenken sollte. Er betete und rief nach den Göttern, die ihn jedoch mit Schweigen straften. Allein die Stimmen der Schatten ertönten in der Dunkelheit umso lauter und sie verhöhnten und verspotteten ihn, und gaben ihr bestes, um ihn zu verführen.
„Komm mit uns, wir geben dir alles, was du willst.“
„Nimm es dir, was du willst, es soll dir allein gehören.“
„Nutze die Zeit, die dir noch bleibt, denn wenn du stirbst, gehörst du uns.“
„Wir holen dich, wir kriegen dich. Du kannst uns nicht entkommen.“
Adáin versuchte, seine Ohren vor ihren grausamen Stimmen zu verschließen. Er hatte keine Hoffnung, aus dieser Dunkelheit hinauszufinden, und hasste sich selbst dafür, dass er alles durch seine eigene Schuld verloren hatte.
„Es geschieht mir Recht“, grollte er und sein Zorn nährte die Schatten, die sich dichter und dichter um ihn schlossen, um sich an seinem Schmerz zu laben. „Ich habe keine Erlösung verdient. Nichts als Leid habe ich über mich und all jene gebracht, die mir begegnet sind. Wie konnte ich jemals glauben, dass ich das Werk der Götter tun kann?“
Und in der drückendsten, tiefsten Stille der Finsternis wurde ihm bewusst, dass sein Stolz die Wurzel all des Übels war.
„Es tut mir leid!“, schrie Adáin in die Dunkelheit hinein. „Ich würde mir all meinen Stolz aus dem Herzen reißen und ihn euch als Opfer darbringen, wenn es nur einen Gott gäbe, der mich von ihm befreien wollte!“
Eine rote Flamme erhellte plötzlich den Kristall in Adáins Hand und vertrieb die Dunkelheit und deren gierigen Schatten mit ihrem Licht.
„Wer bist du?“, fragte Adáin voller Furcht. „Und wo kommst du auf einmal her?“
„Ich bin Khéarun, das Feuer“, sprach das flackernde Licht. „Ich bin überall, zu jeder Zeit. Ich war niemals fort, Adáin.“
„Und warum habe ich dich dann noch nie gesehen?“, wollte Adáin wissen.
„Du wolltest mich nicht sehen“, antwortete der Gott. „Du wolltest mich nicht hören. Aber jetzt hast du mich mit ganzen Herzen angerufen und ich bin gekommen. Also folge mir, dann führe ich dich in mein Reich und will dir meinen Segen geben.“
„Wozu soll ich dir dorthin folgen?“, fragte Adáin. „Der Weg ist unendlich weit und du bist doch schon hier, bei mir. Gib mir deinen Segen hier und jetzt.“
Der Gott des Feuers lachte. „Du hast noch nichts begriffen, wie ich sehe. Der Weg ist es, der dich ans Ziel bringen wird. Du musst bereit sein, ihn zu gehen, denn jeder deiner Schritte wird dir eine Lehre sein. Ich will dir den Weg weisen, aber gehen musst du ihn selbst.“
„So führe mich denn“, gab Adáin nach und folgte dem roten Feuerschein, der ihn weit fort, in den Süden brachte. Er musste Durst und Hunger leiden und wurde von quälender Hitze geplagt, die seinen Leib verbrannte, bis er schwach und krank endlich ins Reich Khéaruns gelangte. Dessen Bewohner, die schwarzhäutigen Shraláanh, besaßen die Macht, wie das Feuer durch die Ebenen zu wandeln. Die Shraláanh erkannten das Licht ihres Gottes und nahmen Adáin auf. Sie halfen ihm, wieder zu Kräften zu kommen, und als er sie darum bat, führten sie ihn zu Khéaruns Tempel. Dort sank Adáin vor ihm auf die Knie.
„Lehre mich Bescheidenheit“, bat er. „Ich will dir all meinen Stolz und meine Überheblichkeit zum Opfer bringen und tun, was du verlangst.“
Flammen schlugen um ihn herum aus dem Boden, doch sie waren angenehm und kühl und verbrannten ihn nicht.
„Ich sehe, du hast deine Lektion gelernt“, sprach der Gott und umhüllte Adáin mit seinem Licht. „Ich will dir meinen Segen geben.“
„Bitte sag mir“, fuhr Adáin fort, „ob ich es wert bin, das Licht, das ich verloren habe, zurückzuerlangen.“
„Du bist es wert, wenn du bereit bist, den Weg zu gehen.“
„Ich will ihn gehen, wie weit er auch immer sein mag“, gab Adáin zurück. „Aber ich werde ihn aus eigener Kraft nicht finden, denn ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Willst du mich führen?“
„Ich werde dich führen.“
10. Vergebung: Das Cyanlicht des Gottes Aándo
Khéaruns Licht führte Adáin durch die Finsternis, weit nach Nordwesten in ein Reich, das von dem Cyanlicht Aándos erhellt wurde. Dort lebten die Chluánnan, ein Volk, das die Fähigkeit besaß, die Gestalt zu verändern.
Bescheiden erzählte Adáin ihnen sein Anliegen und bat darum, im Tempel zu ihrem Gott beten zu dürfen. Auf seinem Weg durch ihr Land bewunderte Adáin die wundersame Macht der Chluánnan und die unendliche Weite des Meeres, an dessen Ufer ihr Reich lag.
„So viel Wasser habe ich noch nie gesehen“, staunte er. Die Chluánnan lachten ihn ob dieser Unwissenheit aus, doch Adáin störte sich nicht daran. Er betrat den Tempel ihres Gottes, in dem das Rauschen des Meeres zu hören war, und sank dort auf die Knie. Dann erzählte er seine Geschichte und schloss mit den Worten: „Khéarun hat mich zu dir geführt und ich bitte dich um deine Hilfe. Lehre mich, wenn es dein Wille ist.“
Eine Weile war es still und Adáin verharrte geduldig. Er wartete einen Tag und eine Nacht, bis er im Klang des Meeresrauschens endlich der Stimme des Gottes gewahr wurde.
„Du bist voll rachsüchtigem Groll“, sagte der Gott. „Du zürnst all jenen, die dir Unrecht taten. Du zürnst den Göttern, von denen du dich verlassen glaubst. Vor allem aber zürnst du dir selbst und kannst dir nicht für deine Fehler vergeben, die dich in die Schatten geführt haben.“
„Wie soll ich mir vergeben?“, fragte Adáin bitter. „Ich bin ein Narr. Ich habe durch meine eigene Schuld alles verdorben und verloren, was ich berührt habe und erreichen wollte. Ich war grausam, stolz, verblendet und voller Habgier, obwohl ich es besser hätte wissen müssen. Ich habe keine Vergebung verdient.“
„Wer bist du“, fragte der Gott, „dass du dieses Urteil fällen kannst?“
„Ich bin…“, setzte Adáin zu einer Antwort an, verstummte dann jedoch. „Niemand“, sagte er. „Nur eine einsame, verlorene Seele, die ihren Weg nicht kennt.“
„Du kennst ihn nicht“, bestätigte der Gott. „Und du führst dich mit deinem rachsüchtigen Urteil nur selbst ins Verderben. Bringe mir deine Rachsucht als Opfer dar, dann will ich dir meinen Segen geben und dich Vergebung lehren.“
Adáin zögerte lange und rang mit sich, da er nicht glaubte, dies verdient zu haben. Doch dann gab er sich dem Willen des Gottes hin und brachte ihm all seinen Groll und seine von Rache und Schmerz geplagten Gefühle als Opfer dar. Adáin fühlte, wie der Griff der Schatten sich um seine Seele löste, als das Licht des Gottes ihn und seinen Kristall erfüllte. Ergriffen von dem Wissen, dass ihm vergeben worden war, begann Adáin zu weinen.
„Es tut mir leid“, flüsterte er und hielt den Kristall fest an sein Herz gepresst. „Es tut mir leid. Vergebt mir. Kommt zurück zu mir, ich bitte euch.“
Und ein Licht nach dem anderen erstrahlte hell und klar in dem Kristall und erfüllte seine Seele.
Als die Chluánnan dies erblickten, bewunderten sie Adáins Licht und neigten vor ihm ihre Köpfe.
„Du hast das Licht der Götter“, sagten sie voll Ehrfurcht. „Du musst groß und mächtig sein.“
„Ich bin nur ein einfacher Mann“, gab Adáin zurück. „Und dies ist das Licht, das die Götter mir in ihrer Gnade gewährt haben. Ich habe es für mich erlangt, um meine eigene Seele zu erlösen. Es wird euch nichts nutzen, denn ich kann es euch nicht geben.“
11. Liebe: Das goldene Licht der Mutter
Trotz all der Segen, die er erlangt hatte und obwohl das Licht in seinem Kristall farbenfroh erstrahlte und die Dunkelheit vertrieb, verspürte Adáin ein schmerzliches Sehnen in seiner Brust. Eine Traurigkeit, die er nicht zu fassen vermochte. Er folgte dem Licht, das ihm den Weg zu einer Stadt wies, die ihm golden aus der Finsternis entgegenstrahlte.
Nach all der Zeit war ihm der Anblick fremd geworden, deshalb dauerte es, bis Adáin erkannte, dass ihn das Licht nach Hause geführt hatte. Lange Zeit blieb er in der Dunkelheit stehen und betrachtete den Schein der goldenen Stadt, die ihm im Angesicht des strahlenden Lichts in seinen Händen stumpf und leblos erschien.
„Früher dachte ich, wir hätten mit der goldenen Stadt unser eigenes Licht erschaffen“, sagte er zu dem Kristall. „Aber jetzt sehe ich, dass es nur matt den Glanz der Sonnen spiegelt. Und überall lauern die Schatten, selbst innerhalb der hohen Mauern. Dort gibt es kein Licht. Es ist eine Stadt im Land der Schatten. Warum habt ihr mich hierhergeführt?“
„Geh hinein“, sprach der Kristall. „Du wirst es sehen.“
Also ging Adáin zu den Toren der Stadt, wo er von den Wachen aufgehalten wurde.
„Wer bist du?“, schrien sie. „Und was ist das für ein grausames Licht, das uns die Augen verbrennt?“
„Ich bin Adáin“, sagte er ruhig und verbarg den Kristall unter seinem Gewand. „Ich war einst euer Prinz und bin vor langem fortgezogen. Ich bitte euch, lasst mich hinein. Ich bin nach Hause gekommen.“
Die Wachen lachten ihn aus. „Ein junger Prinz hat uns verlassen und ein zerlumpter, alter Bettler kehrt zu uns zurück! Du kommst uns nicht in den Palast!“
„Dann will ich auf den Straßen leben“, antwortete Adáin. „Mir ist es einerlei.“
Er ertrug ihren Spott und ihre höhnische Schadenfreude und vergab ihnen dafür, da sie es nicht anders kannten und sich hier jeder selbst der nächste war. Adáin begriff, dass sein eigenes Volk so war wie er selbst vor langer Zeit, und dass ihnen das Licht so fremd geworden war, dass sie seinen Anblick nicht ertragen konnten. Es stimmte ihn traurig und er fragte sich, ob es denn nichts gab, das ihnen helfen konnte und ob sie wirklich allesamt verloren waren.
Er richtete seinen Blick hoch zu den Sonnen, die durch den trüben Schleier der ewigen Schatten hindurch weit über ihm am Himmel erstrahlten.
„Wir haben versucht, dein goldenes Licht hier auf Erden zu erschaffen“, sagte er. „Aber alles Gold vermag die Dunkelheit nicht zu vertreiben, die in unseren Straßen herrscht. Und unserem Gold fehlt deine Wärme, denn es ist immer kalt, ganz gleich, wie viele Feuer brennen.“ Adáin sank auf offener Straße auf die Knie nieder und hob das Gesicht zu den Sonnen empor. „Schon vor langer Zeit habe ich mich an dich gewandt und all die Áhr hast du meine Reise verfolgt und nie ein Wort zu mir gesagt. Ich habe nur gefordert und war nicht bereit, dir zuzuhören. Aber jetzt bitte ich dich, erhöre mich, wer immer du auch bist. Was muss ich tun, um diese finstere Kälte zu vertreiben, die mich und uns alle hier beherrscht?“
Das Licht der Sonnen berührte ihn und erwärmte sanft sein Gesicht.
„Ich bin die Mutter“, sagte eine leise Stimme. „Meine Liebe ist es, die das Licht der ungeborenen Seelen sicher in ihre sterblichen Körper führt. Und meine Liebe ist es, die ein selbstsüchtiges Herz zu heilen vermag.“
„Liebe“, antwortete Adáin verwirrt. „Was soll Liebe sein?“
„Bring mir deine Selbstsucht als Opfer dar, dann will ich dich die Liebe lehren und dir meinen Segen geben“, erwiderte die Stimme und Adáin gab sich ihrer Wärme hin. Sie erfüllte ihn und seinen Kristall mit ihrem goldenen Licht und vertrieb die letzten Schatten seiner Seele. Plötzlich war ihm, als könne ihn die trostlose, kalte Dunkelheit der goldenen Stadt nicht mehr berühren. Adáin fühlte sich gesegnet und geliebt und er schwelgte in dem Vertrauen, dass er nach seinem Tod vom Vater in das ewige Licht zurückgeführt werden würde, wo er von allem Leid und Schmerz erlöst sein würde.
„Die Schatten haben keine Macht mehr über mich“, erkannte er staunend und erhob sich. „Sie können mir kein Leid mehr zufügen.“
12. Das Licht, dem alles entspringt: Der Segen des Höchsten
Adáin betrachtete die anderen Bewohner der goldenen Stadt, die gebeugt und voller Furcht durch die düsteren Straßen huschten. Und plötzlich konnte er den Funken Licht in ihnen sehen, der jenseits ihrer von Schatten umhüllten Seele in der Finsternis verborgen lag. Er liebte diesen Funken in ihnen, der demselben Licht entsprang, aus dem auch er erschaffen war.
„Sie können ihn nicht sehen“, sagte er traurig. „Und wenn sie sterben, werden die Schatten sie verschlingen und sie für alle Zeit gefangen halten. Sie haben vergessen, wer sie sind. Kann ich nichts tun, um sie zu retten?“
Er nahm den Kristall in seine Hände, dessen farbenfrohes Licht warm in der Dunkelheit erstrahlte. „Kann ich nichts tun, um dieses Licht mit ihnen zu teilen? Reicht es nicht aus, um die Dunkelheit im Herzen eines andren zu vertreiben? Kann ich den Weg nur für mich selbst gehen und muss hilflos mitansehen, wie all die anderen zugrunde gehen?“
„Mit unserem Licht kannst du dich nur von deinen eigenen Schatten befreien“, antworteten die Götter. „Die Dunkelheit besiegen kann nur er, dem alles Licht entspringt. Er, der alle Farben in sich trägt. Er, der Vater und Mutter zugleich und die Wiege allen Lebens ist. Zu ihm musst du beten, wenn du diese Seelen retten willst.“
„So sagt mir seinen Namen“, bat Adáin. „Damit ich zu ihm beten kann.“
„Du kannst seinen Namen nicht aussprechen. Denn er ist aus der ewigen Stille geboren und dort musst du ihn suchen, wenn du ihn finden willst.“
Also zog Adáin sich zurück und wurde still, ohne zu wissen, wie er diesen höchsten aller Götter je erreichen sollte, wenn er ihn nicht bei seinem Namen rufen konnte. Oder wie er ohne Worte zu ihm sprechen sollte. Also betete er in seinem Herzen und dachte unverwandt an diesen einen Wunsch, der in ihm brannte. Er bekam keine Antwort und alles, was er in der Stille vernahm, waren seine eigenen aufgewühlten Gedanken.
Tage und Nächte verharrte er, bis seine Gedanken und Gefühle zur Ruhe kamen und ihn ein tiefer Frieden überkam. Adáin erkannte diesen Frieden, denn er war ihm früher schon begegnet. Er erinnerte sich daran, dass dieser Frieden ihn einst in seiner höchsten Not besänftigt und seinen Blick nach oben, in den Nachthimmel geführt hatte, wo Adáin vor langer Zeit zum ersten Mal der Vater erschienen war. Und auch in seiner dunkelsten Stunde, wo ihn in den dunklen Landen all sein Licht verließ, hatte die Stille ihn gelehrt, welches Opfer ihn dort retten konnte, um ihn auf den rechten Weg zurückzuführen.
Und als Adáin erkannte, dass er selbst in seiner dunkelsten Stunde niemals allein gewesen war, begann er vor Ergriffenheit zu weinen. Der Kristall in seinen Händen erstrahlte in einem wundersamen, lebendigen Licht, das alle Farben in sich trug, die mit dem Auge kaum zu fassen waren. Dies war die Geburt des ersten Rúina – des Kristalles, der von dem lebendigen Licht des Höchsten erfüllt ist.
Das Licht durchdrang Adáins gesamtes Sein und er begriff, dass seine eigene Seele aus demselben Licht erschaffen war.
„Ich brauche diesen Kristall nicht, um vor der Dunkelheit geschützt zu sein“, sagte er. „Denn dein Licht wird mich führen und behüten, wo immer ich auch bin. Du bist in mir und ich bin für alle Ewigkeit ein Teil von dir. Und wenn der Tod meine sterbliche Hülle dereinst von meiner Seele streift, bin ich frei, zu dir zurückzukehren.“
Erfüllt von dieser Gewissheit fand Adáin einen tiefen Frieden in sich und kehrte in die Stille zurück, um zu erfahren, wie er dieses Licht teilen konnte. Die Stille blieb, doch in ihr fand Adáin große Weisheit, die ihn voll Vertrauen und Zuversicht auf seine letzte, große Reise schickte. Denn er erfuhr, wie er die Welt von der Dunkelheit befreien konnte.
Buch 5: Adáins Licht und Lehren
1. Der Keim des Lichtes
Der Segen des Höchsten hatte den Kristall in Adáins Händen also zum Leben erweckt und ihm die Macht verliehen, mit seinem Licht die Herzen aller Wesen zu berühren, die ihn erblickten. Und so zog Adáin hinaus, um ihnen dieses Licht zu bringen.
Viele schraken geblendet und furchtsam davor zurück und flohen. Andere versuchten, ihn zu erschlagen und das Licht zu ersticken, das er bei sich und in seinem Herzen trug. Adáin bedrängte sie nicht und ließ sich nicht von ihrem Zorn und ihrer Furcht erschüttern. Er wusste, dass es die Schatten jener armen Seelen waren, die nach ihm schlugen und vor ihm flohen, da sie um ihre Herrschaft fürchteten.
Doch Adáin war sich gewiss, dass der Samen gesät war, denn jeder, den das Licht berührte, würde mit Sicherheit gerettet werden. Selbst, wenn sie im Leben ihre Schatten nicht bezwingen konnten, so sollten sie im Tode von ihnen geläutert werden. Sie sollten Buße tun, bis ihre Seelen von all ihren Schatten und üblen Taten gereinigt, in hellem Licht erstrahlten und bereit waren, vom Vater zum Höchsten zurückgeführt zu werden.
Darum hatte Adáin die Götter gebeten und sie hatten seine Bitten erhört.
Lange Zeit wanderte er alleine durch die Dunkelheit und brachte den Verlorenen das Licht. Wenn sie bereit waren, in anzuhören, blieb er bei ihnen und lehrte sie den Weg der Götter, bis in ihrem finsteren Reich kleine Inseln des Lichts erstrahlten. Viele versuchten, ihn zu besitzen und ihn für ihre Zwecke zu benutzen, doch Adáin ließ sich nicht von ihnen beirren. Manch andere versuchten, ihm zu folgen und ihn anzubeten, doch Adáin wies sie zurück.
„Ich allein besitze keine Macht“, lehrte er sie. „Es ist der Segen der Götter, der mich führt und der mich dank meines Glaubens Wunder vollbringen lässt. Wenn ihr nach Erlösung sucht, so betet zu den Göttern und vertraut euch ihnen an. Jeder von euch trägt das Licht in seinem Herzen, das ihr in meinen Händen seht. Dieses Licht wird euch beschützen und raubt den Schatten ihre Kraft. Betet wahrhaftig und mit eurem Herzen, dann werdet ihr erhört werden und euch soll kein Leid geschehen. Denn ganz gleich, wie mächtig die Daémaran und all die Schatten sind… sie können jenen nicht schaden, die sich mit ganzem Herzen festhalten an ihrem Licht.“
2. Adáins Gefährten: Die Boten des Lichts
„Herr“, erwiderte eines Tages einer der Verlorenen, der ihm gefolgt war. „Ich will tun, was du mir sagst. Aber ich bitte dich, mich mitzunehmen, denn es ist mein Wunsch, dir auf deiner Reise beizustehen.“
„Tu, wie du willst“, antwortete Adáin den in Lumpen gekleideten Mann. „Aber meine Reise ist lang und beschwerlich und führt mich in die tiefsten Schatten des Bösen hinab. Du wirst mit deinen Augen großes Leid erblicken und Zweifel und Furcht erdulden müssen. Diese Reise wird dir alles abverlangen.“
„So sei es denn“, gab der Fremde unbeirrt zurück. „Wenn du es erträgst, so will ich es auch ertragen und dir helfen, in diese Dunkelheit das Licht zu bringen.“
Also nahm Adáin ihn mit sich und sie zogen gemeinsam durch die Welt und bereisten die dunklen, von den Schatten beherrschten Länder ebenso, wie die von den Göttern gesegneten Inseln des Lichts. Die Völker erkannten ihn wieder, als jenen Reisenden, der vor langer Zeit als Bittsteller zu ihnen gekommen war, und sie lauschten seiner Geschichte und ließen sich von seinem Licht berühren.
Manchmal geschah es, dass einer von ihnen sich berufen fühlte, Adáin auf seinem Weg zu folgen. Jene, die von dem Licht ihres Gottes beschützt die Dunkelheit nicht kennengelernt hatten, erschraken vor der Macht der Schatten und des Bösen, die sie jenseits der behüteten Grenzen ihres Reiches erwartete.
„Es ist hoffnungslos“, weinte eine Frau, die ihm aus dem Reiche Nórs hinaus in die Dunkelheit gefolgt war. „Mein ganzes Leben lang habe ich an das Gute und die Gnade unseres Gottes geglaubt. Aber wie kann ich das im Angesicht all dieses Leids? Sieh nur all die Diebe und Mörder, die Lügner und Heuchler, und all die Alten und Kranken, die einsam und verlassen an ihrem Elend zugrunde gehen. Es gibt keine Liebe in ihren Herzen. Die ganze Welt ist vom Bösen besessen.“
Adáin tröstete sie und nahm sie bei der Hand.
„Das Licht“, lehrte er sie, „Liegt jenseits der Schatten, selbst wenn du es nicht zu sehen vermagst. Die Dunkelheit erscheint jenen schrecklich, die ihre Macht bislang nicht sehen mussten und nie mit ihren Schatten in Berührung kamen. Darum halte fest an deinem Glauben. Halte fest an deiner Hoffnung und deinem guten Wesen, und bringe sie dem Bösen nicht als Opfer dar. Lass dein Herz nicht von der Bitterkeit und Grausamkeit anderer verderben. Denn wenn dir deren Schatten deine Hoffnung raubt, dann bist du ebenso verloren. Und wenn du im Angesicht des Bösen deinen Glauben an das Gute verlierst, dann bist du eine Gefallene und dann gibt es nichts mehr, was dich vor ihrer Macht zu retten vermag. Kehre um, wenn du nicht weiter kannst und geh zurück nach Hause.“
Doch die Frau schüttelte ihren Kopf. „Jetzt, da ich gesehen habe, was jenseits unserer Grenzen liegt, kann ich nie mehr dorthin zurückkehren. Ich kann nie mehr dieselbe sein. Lass mich dir folgen und hilf mir, stark zu sein, ich bitte dich.“
„Ich werde dir helfen, stark zu werden, sodass du meiner Hilfe nicht länger bedarfst“, versprach Adáin. „Dann kannst du jenen helfen, denen es genauso ergeht wie dir, bis sie ihrerseits frei sind, ihrer eigenen Wege zu ziehen. So kannst du helfen, die trostlose Finsternis mit Hoffnung zu füllen, bis sie die Dunkelheit mit leuchtenden Spuren durchzieht.“
„Das will ich tun“, sagte die Frau, die aus seinen Worten neuen Mut schöpfte. „Und ich will festhalten am Licht, ganz gleich, wie dunkel und hoffnungslos die Welt um uns herum erscheinen mag. Denn ich will die Schatten durch meine Bitterkeit nicht nähren.“
Also folgten die Frau Adáin und neben ihr fanden sich dreiundzwanzig weitere, die sich ihm anschlossen. Vierundzwanzig Gefährten bildeten Adáins Ráth, seine Gemeinschaft, die er den Weg der Götter lehrte.
3. Adáins Lehren I: Von Gefallenen und Geblendeten
Gemeinsam mit seinen Gefährten bereiste Adáin die dunklen Lande und brachte sein Licht selbst in die verdorbensten und finstersten Winkel der Welt. Verlorene und Daémaran verfolgten und bedrängten sie, doch sie konnten sich dem Licht der Götter nicht nähern und Adáin und seinen Gefährten kein Leid zufügen. Furchtlos und voller Vertrauen kehrte er ein in fremden Dörfern und Städten, ganz gleich, ob sie von Finsternis umhüllt oder von Licht behütet waren.
Manche der Ménan dort hatten in ihrem Leben noch nie etwas von Göttern gehört, andere wiederum beteten zu Göttern, die Adáin und seinen Gefährten zunächst fremd erschienen. Manche wollten von ihm und seinen Lehren nichts wissen, andere lauschten ihm und ließen sich von seinem Licht berühren.
„Bedrängt sie nicht“, unterwies er seine Gefährten. „Denn es folgt jeder seinem eignen Weg und muss das Licht auf seine Weise finden. Wer hören will, den lehrt. Wer sehen will, dem zeigt. Ganz gleich, wie fremd ihre Gestalten und Gebräuche euch erscheinen mögen, erinnert euch stets daran, dass auch sie aus demselben Licht erschaffen sind, wie wir. Daher zürnt ihnen nicht und hasst sie nicht, wenn sie nichts von euren Worten wissen wollen. Sie mögen ihre Feinde erschlagen. Ihr aber sollt euch daran erinnern, dass die Hände jener, die im Zorn zur Waffe greifen, vom Schatten geführt werden. Darum tötet nur, wenn die Not euch dazu zwingt, euer eigenes Leben zu schützen, und verschont euer Gegenüber, wann immer es euch möglich ist. Denn Hass und Rachsucht bringen nur neuen Hass und Rachsucht hervor, wo immer man sie sät. Und wer zu den Waffen der Schatten greift, vermehrt die Dunkelheit der Welt. Könnt ihr aber vergeben und eurem Feind die Hand in Liebe reichen, so sät ihr einen Funken Licht, der die vergiftete Erde zu heilen vermag.“
Doch Adáin sah, dass es seinen Gefährten schwerfiel, nach diesen Worten zu leben. Denn wohin sie auch gingen, brachte man ihnen oftmals Hohn und Zorn entgegen und wollte von den Worten der Götter nichts wissen. Für jeden Verlorenen, der ihren Worten lauschte, kam ein anderer, der vor ihrem Lichte floh oder sie gar aus der Ferne mit Steinen bewarf. Dies weckte den Zorn und die Bitterkeit von Adáins Gefährten und manch einer machte Anstalten, sich von dem Glauben an das Gute abzuwenden.
„Es hat doch keinen Sinn“, klagte einer von ihnen. „Wir werden gejagt, als wären wir Verbrecher und Aussätzige. All unser Bemühen ist für nichts und wir ernten keinen Dank dafür. Hunger und Durst erleiden wir auf unserer Reise, um diese Verlorenen zu retten, die doch nicht gerettet werden wollen. Böse Kreaturen sind es. Eine Plage, wie die Daémaran, denen sie dienen. Vielleicht wäre es besser, sie ihrem elenden Schicksal zu überlassen, denn sie haben es nicht besser verdient.“
„Dies sind die Worte eines Gefallenen“, warnte Adáin ihn. „Von einem, der im Angesicht des Bösen den Glauben an das Gute verlor und sich der Dunkelheit überließ, weil er keine Hoffnung mehr hatte. Gib acht, mein Freund, denn aus deinen Worten sprechen Unbarmherzigkeit und Stolz. Erinnere dich an den Grund unserer Reise. Wir bringen das Licht der Götter in die Welt. Dies ist unsere heilige Aufgabe. Wir sind Diener des Lichtes, die Boten der Götter. Doch es ist nicht an uns, die Früchte dieser Arbeit zu ernten und uns an ihnen zu ergötzen. Und wenn du allein nach den Früchten gierst, während du deine Arbeit tust, so wirst du bittere Enttäuschung ernten. Deshalb“, schloss Adáin, „giert nicht nach den Früchten eurer Arbeit, sondern gebt euch zufrieden damit, diese mit ganzem Herzen zu tun. Denn wenn ihr euren Blick nur begierig auf das Ziel richtet, kann es allzu leicht geschehen, dass ihr vom Wege abkommt und den Abgrund nicht seht, der vor euch liegt.“
„Das verstehen wir nicht“, sagten seine Gefährten, die sich untereinander berieten und dann an ihn herantraten. „Es ist unser heiliges Ziel, das Licht der Götter in die Welt zu bringen und sie von den Schatten zu befreien. Wir folgen dem Willen der Götter. Wie kann es geschehen, dass wir selbst den Weg verlieren?“
„Erinnert euch an die blutigen Kriege, welche die Herren der goldenen Städte gegeneinander führten“, wies Adáin sie an. „Auch sie hielten sich selbst für rein und gut, und sahen sich daher im Recht, ihre Feinde zu erschlagen. Sie sahen die Schatten in ihren eigenen Herzen nicht, die sie dazu brachten, den Blick von ihnen abzuwenden und ihn stattdessen nach außen zu richten. Vergesst niemals, dass auch ihr nicht ohne fehl seid. Vergesst niemals, dass auch ihr der bösen Macht verfallen könnt. Denn die Schatten sind hinterhältig und listenreich. Und wenn euch danach giert, eine Macht des Guten zu sein, so werden sie sich diese Begierde zunutze machen. Sie werden euch glauben machen, ein Streiter des Lichtes zu sein und sich dabei an eurem selbstgerechten Zorn, eurem Stolz und eurer verblendeten Habgier laben. Ihr werdet in dem Glauben, Gutes zu tun, die Macht der Schatten stärken, denn die Schatten lassen sich nicht mit den Mächten der Dunkelheit besiegen. Ihr aber seid wahrlich verloren. Denn ihr werdet Böses tun und im Namen des Lichtes die Waffen der Schatten schwingen, doch ihr werdet zu verblendet sein, um das Böse in eurem eigenen Herzen zu sehen.“
4. Adáins Lehren II: Von Gut und Böse
„Du sprichst von Gut und Böse“, wandten die Gefährten sich eines Tages an Adáin. „Und du sagst, dass wir nicht wahrhaftig gut sein können, wenn wir das Böse in uns selbst nicht kennen. Du sagst, dass unsere Schatten unsere guten Wünsche verderben und uns vom rechten Wege abbringen können. Wie aber können wir das verhindern? Wie können wir Gut von Böse trennen und uns von den Schatten schützen?“
„Die Schatten werden euch immer versuchen, um ihre Begierden zu stillen. Wisset, dass diese Begierden unstillbar sind und mächtiger werden, je mehr ihr ihnen gehorcht. Diese Versuchungen sind Trägheit, Habgier, Rachsucht, Stolz, Verblendung, Unbarmherzigkeit, Furchtsamkeit und Selbstsucht“, lehrte Adáin sie. „Bringt diese Versuchungen den Göttern als Opfer dar, damit sie euch von ihnen erlösen und euch ihren Segen schenken. Diese Segen sind Willenskraft, Dankbarkeit, Vergebung, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit, Gnade, Vertrauen und Liebe. Denkt an die Versuchungen und Segen, die ich euch lehrte. Sie werden euch Antwort geben auf die Frage, welche Macht euch treibt. Wenn ihr aber dennoch zweifelt, so fragt, meine Freunde. Richtet eure Fragen an die Götter und ihr werdet Antwort erhalten.“
„Herr, du sagst, dass wir die Götter fragen sollen“, gab einer der Gefährten zurück. „Und du sagst, dass die zu dir sprechen und dir Antwort geben. Wir aber können ihre Stimmen nicht hören. Wie also sollen wir sie dann verstehen?“
„Beten sollt ihr und in die Stille gehen. Die Götter sprechen nur selten mit Worten und wenn ich euch sage, sie ‚sprechen‘, so tue ich das, damit ihr besser versteht. Sie kommen in Gedanken und Bildern zu euch. In starken Gefühlen und unerklärlichem Wissen. In großer Not vermögen sie es, vor euch zu erscheinen und mit euch zu sprechen, aber dies tun sie nur selten.“
„Aber wie können wir dann ihre Stimmen von jenen der Schatten trennen?“, erwiderte der Gefährte verzagt. „Sie sprechen dieselbe Sprache und bedienen sich derselben Mittel.“
„Die Götter werden euch niemals versuchen“, sagte Adáin und beruhigte ihn. „Sie werden euch auch niemals nach dem Munde reden. Heucheln und Schmeicheln sind die Mittel der Schatten, die euch dazu drängen, eure eigenen Begierden zu stillen und euch selbst bei den grausamsten Taten im Recht zu wähnen. Halte fest an den Tugenden, die ich dich lehrte und bringe den Göttern das falsche Gold in deinem Herzen dar, dann soll dir auch kein Leid geschehen und die Schatten werden keine Macht über dich haben. Denn kein Schatten und selbst die mächtigsten Daémaran der Welt können dem nicht schaden, der sich mit ganzem Herzen festhält an dem Licht der Götter.“
Die Gefährten dachten über seine Worte nach und traten alsbald erneut an ihn heran.
„Lehre uns, wie wir zu den Göttern beten können“, baten sie ihn. Also lehrte Adáin sie. Und als er sah, wie einer den anderen zu übertrumpfen suchte und seine Ergebenheit zur Schau stellte, warnte er sie: „Bedenket, wenn ihr den Göttern huldigt, dass nur zählt, was ihr in eurem Herzen trägt. Leere Worte und hohle Rituale werden die Götter nicht täuschen. Und wenn ihr heuchelt, um von euren Brüdern und Schwestern für euren scheinbaren Glauben Anerkennung zu bekommen, so werdet ihr auch bloß zum Schein belohnt. Denn es ist euer eigener Schein und das falsche Gold in euren Herzen, das ihr mit euren Taten nährt. Und sie allein werden es sein, die euch glauben machen, ihr hättet ein gutes Werk getan. Die Götter aber wissen, dass ihr in eurem Herzen nur euch selbst anbetet. Gehet also hin in die Stille, wo euch niemand sieht und niemand hört und huldigt den Göttern dort.“
5. Adáins Lehren III: Der Zyklus des Goldenen Zeitalters
Adáin und seine Gefährten sahen, wie die Welt sich wandelte. Immer mehr Herrscher der goldenen Städte begannen, Adáins Lehren zu lauschen und ihnen zu folgen. Als die Gefährten das sahen, schöpften sie Hoffnung daraus und erfreuten sich daran, dass ihre mühevolle Arbeit endlich Früchte trug. Sie sahen, wie die ewige Dunkelheit sich an manchen Orten zu lichten begann und die Städte vom Licht der Sonnen und Monde erhellt wurden. Frieden kehrte in diesen Städten ein und das Geschrei der Hungernden und Kranken ebbte ab.
Bald schon aber begannen die Herren der Städte, große Tempel zu bauen, um sich gegenseitig an Glanz und Macht zu übertrumpfen. Sie verdrehten die Gebote der Götter zu ihrem eigenen Vorteil und erließen harte Gesetze, um die Bürger ihres Landes zu unterwerfen. Und dann begannen sie, sich erneut zum Krieg zu rüsten. Sie führten ihn gegen jene fremden Städte und Länder, die noch nicht dem Wort der Götter folgten. Denn die mächtigen Herren sahen sich auserwählt, die Welt von der Dunkelheit zu befreien und all jene zu erschlagen, die in ihren Augen vom Bösen verdorben und nicht zu retten waren.
„Seht hin“, sagte Adáin zu seinen Gefährten. „Dies ist der Zyklus des goldenen Zeitalters. Sie sind geblendet von ihrem eigenen Schein und haben sich selbst zu ihren eigenen Götzen erkoren. Sie glauben, den Willen der Götter zu tun und lenken sich mit dem Erschlagen ihrer Feinde von den gierigen Schatten in ihrem eigenen Herzen ab.“
Die Gefährten aber waren gespalten, als sie sahen, was geschah. Einige verloren allen Mut, während andere hinfort, in die großen Städte ziehen wollten, um zu retten, was noch zu retten war.
„Wir sollten an ihrer Stelle herrschen“, klagten sie. „Wir könnten sie retten, bevor es zu spät ist. Sie doch, Herr, wie sie einander bekämpfen und sich immer wieder ins Verderben stürzen. Sie haben nichts verstanden und sie brauchen jemanden, der sie mit harter und gerechter Hand führt, um sie von ihren Schatten zu erlösen. Sie schaffen es nicht aus eigenem Willen.“
Doch Adáin wies seine Gefährten streng zurecht. „Diener der Götter sind wir und nicht mehr, als ihre Boten. Und wir sollen niemals mehr als Boten sein. Wir sind niemandes Herren und wir wollen uns nicht anbeten lassen. Denn wie die Herren der goldenen Städte sind auch wir bloß Sterbliche und leicht von unseren eigenen Begierden zu verführen. Auch wir würden von unserem eigenen Schein geblendet werden und jene die uns folgen, mit diesem Schein nur in die Irre führen. Wir würden sie mit uns ins Verderben reißen und doch nicht merken, was wir tun, da wir glauben, gut und recht zu handeln. Darum müsst ihr der Versuchung widerstehen und dürft ihnen niemals mehr, als euren Rat anbieten.“
„Aber Herr“, widersprach einer der Gefährten. „Haben wir sie dann nicht allesamt im Stich gelassen? Wir kennen den Weg und wir könnten sie führen, und doch überlassen wir sie ihrem verblendeten Tun.“
„Höre, mein Freund“, sagte Adáin. „Und bedenke, dass auch du den Weg nicht kennst. Allein das Licht der Götter ist es, das uns führt. Darum erinnert euch an meine Worte und nehmt euch in acht vor denen, die wollen, dass ihr ihnen folgt. Glaubt ihren Worten nicht, wenn sie euch Erlösung versprechen und habt keine Furcht, wenn sie jenen mit ewiger Verdammnis oder Folter drohen, die ihrem Weg nicht folgen. Denn sie sind nichts als falsche Propheten, ganz gleich, wie mächtig sie euch scheinen. Fürchtet nicht das Leid, das sie euch antun könnten. Fürchtet allein den falschen Schein, mit dem sie euch verführen und euch vom rechten Weg abbringen. Sie haben nicht die Macht, euch zu erlösen. Aber sie haben die Macht, euch und eure Seele zu verderben, wenn ihr ihrem Schein und ihren falschen Versprechen verfallt. Und so liegt nicht es auch nicht in unserer Macht, die Sterblichen von ihrem Leid und ihren Schatten zu erlösen. Denn dies ist ein Weg, den jeder für sich selbst beschreiten muss. Wie ich, so müsst auch ihr allein das Licht jenseits eurer Schatten finden, um euch von ihnen zu befreien. Dies kann niemand für euch tun. Und ihr könnt es nicht für diese Verlorenen tun. Ihr könnt sie an der Hand nehmen und ihnen die Richtung weisen, doch den Weg müssen sie selbst, mit eigener Kraft und aus freiem Willen gehen.“
„Und wenn sie es nicht können?“, gaben die Gefährten mutlos zurück. „Sieh doch, wie sie kämpfen und wieder in den Schatten gehen. Sie werden im Leben, wie im Tod, verloren sein. Dein Licht mag die Seelen jener gerettet haben, die es erblickt haben, aber wie viele von ihnen haben es niemals zu Gesicht bekommen? Wie viele haben nie von dir gehört? Die Dunkelheit wird zurückkehren, Herr, und dann sind wir wahrhaftig verloren.“
Darüber dachte Adáin lange nach, denn die Worte der Gefährten erfüllten ihn mit Trauer und er erkannte, dass sie die Wahrheit sprachen. Er zog sich zurück in die Stille und bat den Höchsten, ihm beizustehen und keine der Seelen verloren zu geben, selbst wenn diese sein Licht niemals zu Gesicht bekommen hatten. Tage und Nächte verbrachte er allein in tiefstem Schweigen, bis die Stille ihn mit Weisheit und mit der liebevollen Gnade des Höchsten beschenkte.
6. Die Seelenberge und das Licht der Welt
Nach dem Willen des Höchsten führte Adáin die Gefährten zum Herz der Welt und stieg dort auf den höchsten Punkt empor.
„Dies sollen die Seelenberge sein“, verkündete er und zerbrach seinen Kristall in fünfundzwanzig Teile. Er gab jedem der vierundzwanzig Gefährten, die ihm folgten einen Splitter und begrub den letzten, größten, an dem Ort, an dem er stand. „Von hier aus soll das Licht über die ganze Welt erstrahlen. Dieser Kristall wird wachsen, bis er die gesamte Erde durchzieht und er wird das Böse, das die Erde tränkte, in sich aufnehmen und die Welt, wie wir sie kannten, heilen. Ich will an dieser Stelle einen Tempel errichten, der den Himmel und die Erde verbindet und in einem Licht erstrahlt, das niemals erlöschen soll. Dieser Tempel soll uns an die Gnade der Götter erinnern und jeder, der hier um Zuflucht bittet, soll eingelassen werden. Und ihr sollt euer Licht in die Welt hinaus tragen, meine Gefährten und den Verlorenen die Gebote der Götter lehren. Bewahrt alles gut auf, was ihr erlebt habt und lehrt die Weisheit der Geschichte dem, der sie hören und von ihr lernen will.“
Sie erbauten den Tempel und in derselben Zeit erblühte der Kristall, den Adáin in die Erde gepflanzt hatte. Er öffnete sich zu einem Tor aus purem Licht, das hoch in den Himmel erstrahlte und dessen kristallene Adern sich bis ins Herz der Welt erstreckten. Dieses Tor ist die Múyra, Mutter und Vater aller Rúina, welche die Erde durchziehen.
Der dunkle Schleier, der über der Welt gelegen hatte, lichtete sich und versickerte in der Erde, wo das Gift der Schatten von den Rúina aufgesogen wurde. Mórakhar, seine Daémaran und ihr schattiges Heer zogen sich in die tiefsten, dunklen Winkel der Welt zurück, wo sie sich verbargen, da sie das gleißende Licht der Sonnen nicht ertrugen. Diese dunklen Ebenen sind die Hoélan, die schattenverseuchten Höllen Mórakhars. Obwohl das Böse somit nicht endgültig besiegt worden war, da die Schatten in den Herzen der Sterblichen immer wieder Opfer fanden, brach nach dem Zeitalter der Dunkelheit ein neuer Morgen an.
„Seht das Licht!“, rief Adáin voller Freude und Ergriffenheit. „Jede Seele auf dieser Welt wird das Licht erblicken! Und wer sich im Leben von seinen Schatten nicht zu befreien vermag, der soll nach dem Tod von ihnen geläutert werden! Die Dunkelheit soll niemals mehr zurückkehren, solange der Segen des Höchsten diese Welt erhellt!“
Er setzte sich mit seinen Gefährten vor den Tempel, den sie zu Ehren der Götter erbaut und ‚Malore Lei‘ genannt hatten. Gemeinsam betrachteten sie den Sonnenuntergang, dessen Farben klar und rein am ungetrübten Himmel erstrahlten.
„So ist meine Reise denn beendet“, sprach Adáin, als die Nacht hereinbrach und das silberne Licht der Monde ihn umfing. „Die Zeit hat meinen sterblichen Körper verbraucht. Ich werde nun zum Licht des Höchsten zurückkehren und diese Welt verlassen.“
Da weinten seine Gefährten und baten ihn, zu bleiben und sie nicht alleine zu lassen. Doch Adáin tröstete sie und sprach, „Habt ihr denn nicht verstanden, dass ihr niemals alleine seid? Ihr alle tragt dasselbe Licht in euch und wir sind bis in alle Ewigkeit verbunden. Aber seht – ich will euch Mut machen.“ Er wies in den sternenklaren Nachthimmel empor. „Ich will als silberner Pfad den Nachthimmel erhellen und euch daran erinnern, dass ihr selbst in tiefster Dunkelheit niemals alleine seid. Wenn ihr zweifelt und mutlos seid, so hebt den Blick und denkt an mich. Dann will ich zu euch kommen und euch Trost und Hoffnung schenken.“
Mit diesen Worten bettete Adáin seinen Leib zur Ruhe und die Gefährten sahen zu, wie sein Kírya in die Nacht emporstieg und sich als silberner Pfad hoch oben am Himmel erstreckte. Sie nannten diesen Sternenpfad Lóhadáin – Adáins Licht – und erinnerten sich an ihn und den Weg, den er ihnen gelehrt hatte. Adáins Gefährten blieben auf der Welt zurück. Sie bildeten den Ráth der Götter – Beschützer und Bewahrer des Lichtes und der Lehren sollten sie sein. Und sie erzählten die Geschichte von Adáin und wie er die Welt aus dem Zeitalter der Dunkelheit befreite.
Hier endet die Originalfassung des Lyrath, der später, im Laufe der Geschichte, einige Veränderungen und Erweiterungen durchlief. Diese umfassen Buch 6: „Der Ráth“, Buch 7: „Die heiligen Gebote“ und Buch 8: „Die Heilige Ordnung“.
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