Die Saga von Llhyrinth

Band 1 – Jagd

Leseprobe

Hinweis des Autors:

In den von mir erzählten Geschichten werden zahlreiche sensible Themen wie Manipulation, Missbrauch, Trauma, ideologischer Fanatismus, Rassismus uvm. angesprochen und aufgearbeitet. Das bedeutet, dass sich manche Charaktere (bedingt durch ihre Erfahrungen, Kulturen, Glaubenssätze und die damit verbundenen Vorurteile) dementsprechend verhalten. Dieses Verhalten und die damit verbundenen Überzeugungen können sich durch neu gewonnene Erfahrungen im Laufe der Geschichte verändern.

Chullaíns Erzählung

6.Zeitalter im Áhr 1418

Ich kann es immer noch nicht glauben. Ich will es nicht glauben. Zu groß ist der Verrat. Zu schrecklich die Lüge, die sich wie ein krankhaftes Geschwür durch die Wirklichkeit zieht, auf die ich mein Leben lang vertraut habe.

Und nun bin ich der Einzige, der die Wahrheit kennt. Der Einzige, der dazu imstande ist, unsere Welt von der Tyrannei jener zu retten, die wir unsere Götter – und deren auserwählte Boten nannten. In der Heiligen Schrift steht geschrieben, dass sie es waren, die unsere Welt und all deren Völker einst aus dem Zeitalter der Dunkelheit führten. Sie vertrieben die Schatten aus der Welt und aus den verdorbenen Herzen der Sterblichen und brachten mit der heiligen Ordnung Recht und Frieden in die vier Reiche, in die sie den Kontinent teilten. Die Götter. Und ihre unsterblichen Boten des Ráths. Unsere Herren. Unsere Führer. Von den Göttern erwählt, um an ihrer statt zu sprechen und den Sterblichen ihr Wort zu bringen.

Wenn ich daran denke… wie lange ich und meine Vorfahren in ihrem Namen, nach ihren Geboten gelebt und unser Reich nach ihrem Willen regiert haben… Blind waren wir. Nichts weiter, als Marionetten jener, die uns im Namen ihrer Götter ihrem Willen unterwarfen. Ja. Ihrer Götter.

Denn ich weigere mich, sie länger als die meinen anzusehen oder ihnen gar Tribut zu zollen. Denn kein einziges Mal haben diese Götter meine Gebete erhört. Nie sind sie mir in Zeiten höchster Not erschienen oder haben mir in tiefster Dunkelheit auch nur einen Funken ihres angeblichen Lichts gespendet. Wenn es sie gibt, so haben sie mich und mein Volk schon lange verlassen. Wenn es sie gibt, so haben sie uns damals, als der Dämon über meiner Heimat, der Königsstadt Moúra Hal erschien, allesamt dem Tode überlassen. Die Erinnerung plagt mich bis heute. Die Albträume. Selbst jetzt, beinahe zehn Áhr[1], nachdem ich Zeuge des Untergangs meines Volkes wurde, suchen mich die Bilder unentwegt heim. Die Schreie. Die schattenhafte Gestalt des Dämons, der über unserer Stadt erschien. Das weiße Feuer, das vom Himmel regnete und die steinernen Gebäude wie Wachs zerschmelzen ließ. Niemand hat überlebt. Niemand. Sie sind alle tot. Ich habe es gesehen. Denn ich bin an jenem Tag in Greifengestalt über die Ruinen Moúra Hals hinweggeflogen, um nach Überlebenden zu suchen. Ich habe niemanden gefunden. Ich habe einzig und allein das Licht unzähliger Seelen gesehen, die um mich herum in den Himmel emporstiegen. Wären ich und meine Frau Chaeméa nicht zufällig an diesem Tag nach Mádra Hal, dem Grabmal meiner Vorfahren, gereist, wären wir mit ihnen gestorben. Mit meiner Familie, dem König und der Königin Eoryas. Mit all den Vasallen und Gästen, die anlässlich des Festes der Morgendämmerung angereist waren.

Das Fest der Morgendämmerung. Der Beginn des neuen Áhrs. Ein Lichterfest, zu Ehren des Ráths und der heiligen Ordnung, die er uns gebracht hat. Welch bitterer Hohn, dass mein stolzes Volk ausgerechnet an jenem Tag von dem Angriff des Dämons vernichtet wurde. Wenn es die Götter wahrhaftig gibt, haben sie uns an jenem Tag den Rücken gekehrt. Dies ist der Dank dafür, dass wir das Land für sie regierten. Dies ist der Segen, der uns angeblich vor den Mächten der Finsternis beschützen sollte.

Damals dachte ich, dass wir etwas getan hätten, um diesen Segen zu verlieren. Dass es womöglich sogar meine eigene Schuld gewesen wäre, die das Unglück über uns gebracht hätte. Was für ein blinder, gläubiger Narr bin ich gewesen. Den Geboten jener Götter unterworfen, die mich banden und meine Augen und Ohren vor der Wahrheit verschlossen.

Ja, auch ich glaubte die Lügen, die sich wie eine unaufhaltsame Flut auf der ganzen Welt verbreiteten. Die von dem Untergang der Chluánnan[2] erzählten. Meinem Volk. Meinem stolzen, mächtigen Volk, welches das Land seit mehr als zweitausend Áhr im Namen des Ráths und der Götter regierte.

Wir haben die heilige Ordnung gehütet. Dem Reich Frieden und Wohlstand gebracht. Und nun zum Dank dafür erhoben sich die Völker unseres eigenen Reiches gegen uns. Sie nannten uns Tyrannen und warfen uns vor, dass wir es nicht anders verdienten, als im Feuer des Dämons zu verbrennen. Sie warfen uns vor, dass wir durch unsere Taten den Segen der Götter verloren und damit das ganze Reich zum Untergang verdammt hätten. Denn nur der Segen der Götter sei es, der die Welt vor den Schatten und ihren bösen Mächten beschütze. Und ohne ihn würde das Land nun unausweichlich in Krieg und Chaos versinken.

Was für eine bequeme Rechtfertigung, um die Waffen gegen die Überlebenden meines Volkes zu erheben. Was für eine perfekte Gelegenheit, um selbst nach der Macht zu greifen, die uns die niederen Völker so lange neidig waren. Sie nutzten die Schwäche ihrer Herren schamlos aus, anstatt ihnen zu Hilfe zu eilen. Und dabei schrien sie „Tyrannen!“

Ich kann nicht glauben, dass ich mich von diesen Lügen, von dieser so geschickt gesponnenen Verschwörung täuschen ließ. Dass ich auch nur für einen einzigen Moment lang selbst daran glaubte, dass wir unser grausames Schicksal womöglich verdienten.

Doch diese Lügen sind es, die mir nun von allen Seiten aus den Mündern der blinden Gläubigen entgegenzischen. Sie, die sie nicht dazu imstande sind, die schönen Lügen zu durchschauen, die ihre kleine, heile Welt aufrechterhalten.

„Tyrannen“, sagen sie. „Sie sind selbst Schuld an ihrem Untergang.“

Sie hassen uns. Verurteilen uns. Und wenden den Blick in Abscheu von uns ab, da es sie von der unangenehmen Verantwortung befreit, hinzusehen und die Täuschung zu erkennen. Sie wollen es nicht sehen. Sie wollen es nicht hören. Und ich werde nicht versuchen, ihnen die Augen zu öffnen und damit zu verraten, dass ich allein die Wahrheit erkannt habe. Denn sie werden nicht glauben, was sie nicht glauben wollen. Und ich habe nicht die Absicht, mein Leben zu riskieren, indem ich mich von naivem Idealismus dazu hinreißen lasse, mich zu verraten. Die Zeiten sind vorbei, in denen ich auf die Gerechtigkeit der Götter und des Ráths vertraut habe. Die Zeiten sind vorbei, in denen ich darauf gehofft habe, von irgendjemandem Hilfe zu erhalten. Ich bin allein. Selbst meine Frau hat mich verlassen und unsere beiden Söhne mit sich genommen. Ich weiß nicht, wohin sie gegangen sind oder ob sie je zu mir zurückkehren. Es drängt mich, ihnen zu folgen, doch ich kann nicht vergessen. Ich kann nicht vergeben. Die Stille erdrückt mich, hier in meiner einsamen Kammer in der Tempelfeste Malore Lei, dem Herzen der Welt und des Ráths. Es gibt niemanden, mit dem ich sprechen kann. Mit dem ich sprechen darf, außer um gläubige Floskeln zu tauschen, um den Schein zu wahren.

Ich verliere den Verstand in dieser Stille, diesem unerträglichen Schweigen, während mich die bittere Wahrheit von innen zerfrisst. Was also bleibt mir übrig, als meine Gedanken und Erinnerungen in dieses Buch zu bannen? Mein stummer Gefährte. Der Einzige, der mich nie verraten wird, ganz gleich, wie schrecklich die Geheimnisse sind, die ich ihm anvertrauen muss. Er wird mich daran erinnern, wer ich bin. Er wird mich daran erinnern, was geschehen ist und warum ich stark bleiben muss. Selbst wenn ich die Last der Verantwortung alleine tragen muss. Selbst wenn die ganze Welt mich und mein Volk als tyrannische Monster verdammt. Ich weiß es besser. Und ich werde die Tyrannei jener beenden, die uns im Namen ihrer Götter knechten und uns ihrem Willen unterwerfen.

Mein Name ist Chullaín. Ich bin der letzte, wahre Thronerbe des Reiches Eorya und ich bin einer der letzten, überlebenden Chluánnan. Ich schwöre bei dem Blute meines Volkes und den Königen, die vor mir kamen, dass ich jene zur Rechenschaft ziehen werde, die uns das angetan haben. Und wenn ich dazu dem Ráth höchstpersönlich die Stirn bieten und die heilige Ordnung unserer Welt stürzen muss, um seine Macht zu brechen… dann soll es so sein.


1. Kapitel

6.Zeitalter, Áhr 1511

Myriliam fragte sich, ob sie das allgegenwärtige Tosen des Flusses je wieder aus dem Kopf bekommen würde, an dessen steil abfallendem, felsigen Ufer sie seit einer gefühlten Ewigkeit stromabwärts ritten. Das beständige Rauschen überlagerte alle anderen Geräusche und sie konnte nicht hören, was die Männer sprachen, die ein paar Schritte vor ihr gingen.

Vermutlich tauschten sie wieder einmal Geschichten aus und erzählten sich zum tausendsten Mal von ihrem Heimatland. Wie großartig es war. Dass sie es nicht erwarten konnten, endlich in den Norden zurückzukehren. Und wie grässlich warm es hier im Süden war, wo selbst der bitterkalte Winter ihrer Meinung nach nicht wirklich ernstzunehmen war. Myriliam kannte die Geschichten der rohen Krieger mittlerweile auswendig, dennoch war sie froh, dass ihre Mutter damals darauf bestanden hatte, dass ihre beiden Töchter die Sprache der Džawaren erlernte. Und dass Arngrim, der aus dem Norden stammende Leibwächter ihrer jüngeren Schwester, sich solche Mühe gegeben hatte, sie ihnen beizubringen, ohne sich je von Myriliams gelangweiltem Desinteresse entmutigen zu lassen.

Es war beruhigend, zu wissen, dass die Gespräche der Männer harmlos waren. Sonst hätten ihr die Blicke noch mehr Angst eingejagt, mit denen die hochgewachsenen, dunkelhaarigen Männer sie immer wieder aus ihren beunruhigend hellen Augen musterten. Finstere, kalte, harte Blicke. Vielleicht konnten diese Nordmänner auch einfach gar nicht anders dreinschauen. Ein eisiger Windhauch fuhr ihr unter den rauen Stoff ihres schlichten Kleides und ließ sie schaudern. Fröstelnd zog Myriliam die Schultern hoch. Ohne es zu wollen, rückte sie näher an Bhalin heran, der hinter ihr auf dem Terpan saß, das gemächlich mit hängendem Kopf vor sich hintrottete und dann und wann mit einem unwirschen Tritt in die Flanken zum weitergehen ermuntert werden musste.

Sie wollte den Mann nicht berühren. Wollte ihm nicht nahe sein, doch die bittere Kälte, die hier, am Ufer des Flusses herrschte, brachte ihren trotzigen Stolz ins Wanken. Und natürlich bemerkte Bhalin es sofort.

„Ist dir kalt?“, hörte sie seine Stimme an ihrem Ohr.

„Ja!“

Bhalin hielt das Terpan an und ließ sich mit einer ungelenken, steifen Bewegung aus dem Sattel gleiten. Das Tier drehte ihm interessiert den kantigen Schädel zu und glotzte ihn aus dunklen Augen auffordernd an, doch als Bhalin seine Schnauze beiseiteschob und eine Decke aus der großen Satteltasche zerrte, stieß es ein trübsinniges Schnauben aus und wandte sich ab.

Bhalin legte Myriliam die Decke um die Schultern und prüfte dabei wieder einmal den Strick um ihre Handgelenke.

„Hör auf, daran zu zerren“, sagte er gerade laut genug, dass sie ihn verstehen konnte. Eine steile Falte erschien auf seiner hohen Stirn, die sein hageres Gesicht noch älter erscheinen ließ. „Du verletzt dich nur selbst.“

Er bedachte sie mit einem seiner besorgten Blicke, die nie so recht erkennen ließen, ob seine Sorge ihr oder dieser ganzen, elenden Entführung galt, die sie hierher, irgendwo in die tiefste Wildnis am Ende der Welt verschlagen hatte.

„Wenn du nicht andauernd versuchen würdest, davonzulaufen, wären diese Fesseln gar nicht nötig“, redete er auf sie ein und Myriliam verkniff es sich, die Augen zu verdrehen. Als würde sie sich einfach brav und in aller Seelenruhe von diesen Wandlern verschleppen lassen und darauf warten, bis sie endlich ihr Ziel erreichten. Und taten, was auch immer sie dort mit ihr vorhatten. Bhalin hatte versucht, es ihr zu erklären. Oder ihr zumindest irgendeinen Blödsinn einzureden, dass diese Entführung – so leid es ihm tat – dem größeren Wohl diente. Der Rettung seines armen, missverstandenen Volkes. Als ob es der Welt irgendetwas Gutes einbrachte, wenn die Chluánnan gerettet würden und die Gelegenheit bekamen, erneut die Macht zu ergreifen. Nicht nach dem, was geschehen war und nach dem, was diese Monster der Welt bereits angetan hatten.

Vor hundert Áhr noch waren sie die vom Ráth erwählten Herrscher über dieses Land und die einfachen Ménanvölker[3] gewesen, die es bewohnten. Doch anstatt es zu führen und zu schützen, wie es ihre heilige Pflicht gewesen wäre, hatten sich die Chluánnan vom Weg des Ráths und der Götter abgewandt und das Volk tyrannisiert. Versklavt. Ausgebeutet. Anstatt die Gebote der Götter zu achten und am Leben zu erhalten, hatten sie den Glauben der Ménan gebrochen und den Segen des Ráths verloren. Die Ménan hatten sich nicht nur gegen ihren König, sondern gegen das ganze Volk der Chluánnan erhoben. Es hatte die Tyrannen erschlagen und sich vom Ráth und der heiligen Ordnung abgewandt. Seitdem war das herrscherlose, ráthlose Land in Chaos und Krieg versunken, und der Funke des Zweifels, des Unglaubens von einst hatte sich zu einem Flächenbrand entwickelt, der auch die anderen Reiche bedrohte. Myriliams Heimat. Wie oft hatte ihre Mutter davon gesprochen? Von den Zweiflern, welche die Herrschaft der vom Ráth erwählten Könige und die gesamte, heilige Ordnung in Frage stellten? Wie oft hatte dieses Thema ihr Sorgenfalten ins Gesicht gemalt? Mit ihrer Tyrannei hatten die Chluánnan die Ordnung der Welt ins Wanken gebracht. Sie hatten Furcht und Zweifel geschürt, wo bis dahin Vertrauen und Frieden herrschten. Und die Chluánnan waren verschwunden. Ausgestorben. Zumindest hatte alle Welt das gedacht.

Bis sie vor einem Áhr plötzlich in Gestalt von Bhalin, dessen Bruder Gharin und Ravan, Gharins Sohn, wieder aufgetaucht waren. Nicht etwa, um aus ihren Fehlern zu lernen und um Vergebung zu bitten, die ihnen trotz allem vom Ráth sicherlich gewährt worden wäre. Nein. Stattdessen hatten die Tyrannen ihr finsteres Werk wieder aufgenommen und sie entführt. Sie. Myriliam. Die Thronerbin Áraenors. Und nun war sie hier. In dem ehemaligen Reich vermeintlich ausgestorbener Tyrannen… und ließ sich von einem davon wieder einmal eine Moralpredigt halten. Sicherlich würde Bhalin ihr gleich wieder erklären, warum sie sich doch endlich brav mit ihrer Entführung abfinden sollte, anstatt zu fliehen, um zurück nach Hause zu gelangen und ihre Mutter, die Königin, zu warnen.
Tatsächlich setzte Bhalin dazu an, noch mehr zu sagen, doch seine Worte erstarben, und der Blick seiner hellbraunen Augen, die je nach Lichteinfall kupfern schimmerten, richtete sich wachsam auf irgendetwas hinter ihr.

Myriliam wandte den Kopf und entdeckte den großen Vogel, dem sie den ganzen Tag lang gefolgt waren. Er war vorhin für eine Weile außer Sicht verschwunden, doch nun war er zurück und hielt sich gut sichtbar beinahe reglos in der Luft. Gharin. Bhalins unheimlicher Bruder.

Die Botschaft, die er ihnen sandte, war kaum zu übersehen. Hier bin ich. Folgt mir. Also hatte er eine Brücke über den Fluss gefunden. Der Fluss war zu breit, die Felshänge an beiden Seiten zu steil, um auch nur einen Gedanken an eine Überquerung ohne Brücke zu verschwenden.

Na wunderbar, dachte Myriliam entmutigt. Ein Schritt näher ans Ziel.
„Irgendetwas stimmt nicht.“ Bhalins schüttere Augenbrauen, die im Gegensatz zu seinem ergrauten Haar noch einigermaßen dunkelbraun waren, zogen sich argwöhnisch zusammen. Aus verengten Augen beobachtete er seinen Bruder, der in der Luft wendete und zielstrebig auf sie zuflog. Wie so oft, wenn er grübelte, rieb er sich mit den dünnen Fingern über die schuppenartigen Male an seinen Schläfen. Myriliam hatte die Male lange Zeit für eine Art Hautausschlag gehalten, bis sie erfuhr, dass sie ein Erkennungsmerkmal der Chluánnan in ihrer Ménangestalt waren. Und eigentlich kupfern schillern sollten. Wussten die Götter, warum Bhalin anders aussah. Oder warum sein Bruder und dessen Sohn sie gar nicht im Gesicht hatten.

Bhalin wandte den Kopf. „Ravan!“

Gharins Sohn, der ungefähr achtzehn Áhr zählen mochte, tauchte neben ihnen auf und seine dunklen, braunen Augen flackerten für einen Moment zu dem Vogel am Himmel, ehe sich ihr Blick auf Bhalin richtete.

„Ja, Onkel?“

„Pass auf sie auf.“ Bhalin nickte in Myriliams Richtung und drückte dem jungen Mann die Zügel des Terpans in die Hand, das ohnehin keinerlei Anstalten machte, sich irgendwohin zu bewegen und offenbar in der nächsten Zeit auch nicht die Absicht dazu hatte. Es hatte den wuchtigen Schädel gesenkt und begonnen, mit dem Horn auf seiner Schnauze gemächlich nach Wurzeln zu graben.

Ravan beachtete es kaum. Er beobachtete Bhalin, der seinem Bruder mit steifen Schritten entgegenging.
Myriliam folgte seinem Blick. Gharins Gestalt veränderte sich, noch während er zur Landung ansetzte. In einer fließenden Bewegung landete er auf zwei Beinen nackt und ungeniert am Boden und deutete mit einem Arm in die Richtung, aus der er eben gekommen war. Gharin.

Der Mann flößte ihr noch mehr Angst ein, als die nordländischen Džawaren, die sich in Ravans Begleitung den beiden Chluánnan angeschlossen hatten, kaum dass sie die Grenze nach Eorya überschritten hatten. Ein Geleitschutz für die entführte Thronerbin Áraenors. Myriliam verzog das Gesicht. Ein Geleitschutz, dessen Zuverlässigkeit und Friedfertigkeit anscheinend nur von der offensichtlichen Ehrfurcht Gharin gegenüber abhing, den die Männer fast schon als eine Art Gott zu verehren schienen. Vielleicht hatten sie auch einfach Angst vor ihm, was Myriliam ihnen nun wirklich nicht verdenken konnte.
Als sie Gharins Landung beobachteten, war von der Herablassung, mit der sie den körperlich deutlich schwächeren Bhalin oft ansahen, nichts mehr zu sehen. Ihre Mienen waren mit einem Mal ernst und aufmerksam und als Gharin ihnen etwas zurief und ihnen bedeutete, zu ihm zu kommen, gehorchten sie sofort.
Zögernd setzte Ravan sich ebenfalls in Bewegung – und wurde jäh gebremst, als sich der Zügel des Terpans spannte und dieses mit einem unwilligen Schnauben den Kopf in die entgegengesetzte Richtung ruckte.

„Jetzt komm schon.“ Während Ravan sich vergeblich mit dem störrischen Vieh abmühte, behielt Myriliam die beiden Chluánnanbrüder und deren Gefolgschaft im Blick, die offensichtlich über irgendetwas diskutierten. Sie begann erneut, ihre verflixten Fesseln zu bearbeiten, deren Knoten sich einfach nicht lockern wollte.
Sonst hatte immer einer der Brüder sie im Blick, doch jetzt waren sie mitsamt ihrem finsteren Gefolge alle abgelenkt und steuerten auf etwas zu, das die Brücke sein mochte, nach der Gharin zuvor Ausschau gehalten hatte. Vielleicht war sie zerstört? Ein aufgeregtes Ziehen machte sich in ihrer Magengegend breit, als Myriliam begriff, dass sich ihr hier eine einmalige Gelegenheit bot.
Dieses Mal würde es funktionieren. Es musste! Wenn nur ihre dummen Fesseln nicht wären!
Ihr Blick flog zu Ravan, der dem Terpan eben mit dem Zügel einen frustrierten Schlag versetzte, den dieses nicht einmal zu spüren schien. Myriliam sah auf ihre gefesselten Hände hinab, die mittlerweile zu bluten begonnen hatten. Doch die Aufregung ließ den Schmerz verblassen und sie biss sich nervös auf die Lippen.

„Ravan?“

Er hob fragend den Kopf, offenbar dankbar für jeden Grund, seinen Kampf mit dem Terpan für einen Moment aufschieben zu können.

„Könntest du mir die Fesseln nicht ein wenig lockern? Ich kann meine Finger nicht mehr spüren.“ Myriliam streckte ihm bittend ihre Hände entgegen und Ravan verzog mitfühlend das Gesicht, als er ihre geschundenen Handgelenke betrachtete. Gegen ihren Willen verspürte Myriliam wie so oft einen Anflug von Zuneigung, als sie ihm in seine dunklen, sanften Augen sah. Sie hatte vergeblich versucht, sich gegen die rücksichtsvolle Freundlichkeit zu verhärten, die Ravan ihr stets entgegenbrachte. Mit der er ihr diese grässliche Reise erträglich gemacht hatte. Wenn er kein Chluánn… und vor allem nicht ausgerechnet einer ihrer Entführer gewesen wäre… wahrscheinlich wären sie dann sogar Freunde geworden. Myrilam schob den Gedanken entschieden beiseite und behielt Ravan aufgeregt ihm Auge, der unentschlossen das Gesicht verzog. Wieder huschte sein Blick zu den anderen, die mittlerweile die Brücke erreicht hatten, sie aber aus irgendeinem Grund nicht überquerten. „Ich weiß nicht. Wir werden beide Ärger bekommen, wenn du wieder versuchst, abzuhauen.“
Bitte Ravan. Es tut so weh.“ Ihr fiel etwas ein. „Bhalin wollte sie vorhin selbst ein wenig lockern, bevor er dich gerufen hat.“

Ravan sah skeptisch zu ihr auf.

„Wirklich!“, log sie. „Sieh dir doch meine Hände an. Ich habe meine Lektion gelernt. Bitte. Meine Finger sind schon ganz taub.“

Ravan rieb sich mit einer Hand unschlüssig den Nacken und nach einem langen Moment griff er seufzend nach ihren Händen.
„Na schön. Aber mach keinen Unsinn.“

Myriliams Gedanken überschlugen sich auf der verzweifelten Suche nach einem brauchbaren Fluchtplan. Selbst wenn sie ihre Hände frei hatte, würde Ravan sie gepackt haben, noch ehe sie drei Schritte weit gekommen war. Sie könnte versuchen, auf dem Terpan zu fliehen, doch selbst wenn sie ihm mit aller Kraft in die Flanken trat, würde sich das dämliche Vieh wahrscheinlich keinen Schritt weit bewegen.
Konnte sie Ravan bewusstlos schlagen? Der Gedanke versetzte ihr einen schmerzhaften Stich. Sie hatte noch nie jemanden geschlagen. Und wenn es ihr misslang… was würde dann mit ihr geschehen? Mit Ravans Freundlichkeit war es dann mit Sicherheit vorbei und sie wollte ihn auch nicht verletzen. Und Gharin… Myriliams Innerstes verkrampfte sich vor Angst bei dem Gedanken daran, wie Gharin in seinem Zorn reagieren würde.

Unwillkürlich sah sie in seine Richtung – und erstarrte.

„Sieh doch!“ Sie riss ihre freien Hände hoch und deutete zu der Brücke. Ravan packte sie erschrocken am Arm, doch sein Griff lockerte sich, als er ihrem Blick folgte und ebenso wie sie zusehen musste, wie Bhalin, von einem Pfeil getroffen, rückwärts taumelte und zu Boden stürzte. Geschrei wurde laut, welches sogar auf diese Entfernung das Tosen des Flusses übertönte.

„Nein!“ Entsetzt machte Ravan Anstalten, zu seinem Onkel zu laufen und hielt nach ein paar Schritten inne, hin- und hergerissen zwischen seiner Sorge und der Pflicht, auf die Gefangene aufzupassen. Myriliam trat dem Terpan die Fersen in die Flanken.

Es bequemte sich einen halben Schritt nach vorne.

Ein durchdringendes, zorniges Brüllen erscholl aus Richtung der Brücke und Myriliam warf sich instinktiv nach vorne und klammerte sich an den Hals des Terpans, das mit einem Mal aus seiner Trägheit erwachte, alarmiert den Kopf hochriss und einen entsetzten Satz zur Seite machte. Beinahe wäre sie von dem Rücken des Tieres gerutscht, das, die spitzen Ohren flach nach hinten gepresst, Ravan über den Haufen rannte und vor der schuppengepanzerten Kreatur floh, die regelrecht zwischen den Bäumen vor ihnen hervorzuwachsen schien.

„Bleib stehen!“ Ravans Ruf ging in dem Tosen des Flusses und dem Brüllen der Kreatur unter.

Myriliam versuchte gar nicht erst, nach den Zügeln zu greifen, die zwischen den Beinen des wild gewordenen Terpans umherflogen. Sie hoffte, das Tier würde nicht darüber stolpern. Sie hoffte, sie würde nicht fallen. Mit aller Kraft klammerte sie sich mit Armen und Beinen an den struppigen Körper, der mit einem Mal unter ihr zu bocken begann und nach hinten auskeilte.

Die ruckartige Bewegung hob Myriliam aus dem Sattel und einen schrecklichen Moment lang schien sie in der Luft zu hängen. Sie rutschte zur Seite, versuchte, sich wieder hochzuhangeln, doch mit jedem Sprung des verängstigten Terpans verlor sie mehr und mehr den Halt.

Nein! Nicht fallen! Bloß nicht runterfallen!

Sie sah eine Bewegung aus den Augenwinkeln, einen riesigen, hellen Schemen, der trotz der halsbrecherischen Geschwindigkeit des Terpans zu ihnen aufschloss und nach dessen Beinen schnappte.
Das Terpan stieß einen panischen Schrei aus, keilte erneut aus und Myriliam fühlte voller Entsetzen, wie sie aus dem Sattel geschleudert wurde. Sie versuchte, die Mähne des Terpans zu fassen, versuchte, sich an den Sattel zu klammern, griff nach irgendetwas, doch schon im nächsten Augenblick schlug sie am Boden auf. Der Aufprall trieb ihr die Luft aus den Lungen und Myriliam rang vergeblich um Atem. Verzweifelt sah sie zu, wie ihre einzige Hoffnung bockend und ausschlagend zwischen den Bäumen verschwand. Endlich bekam sie wieder Luft, atmete keuchend ein und wälzte sich stöhnend zur Seite. Der Wald verschwamm vor ihren Augen. Mühsam rappelte sie sich hoch, schwankte und taumelte gegen einen Baum. Schwer atmend lehnte sie sich dagegen, hoffte, dass der Schwindel bald wieder nachließ, der sie erfasst hatte. Ihr Übelkeit bereitete. Ihr dämmerte, dass sie Schmerzen hatte, die im Moment jedoch noch unendlich weit weg zu sein schienen. Benommen rieb Myriliam sich die Augen, blinzelte, als ihr Blut ihr die Sicht trübte. Sie sah auf ihre blutverschmierte Hand, die von dem Sturz völlig aufgeschunden und zerkratzt war.

Ein heller Schemen tauchte vor ihr aus dem Gebüsch auf, nahm Form an. Myriliam erstarrte erschrocken. Aus aufgerissenen Augen starrte sie die Kreatur an, die mit den spitzen Ohren, der langen Schnauze und den krallenbewährten Pfoten auf den ersten Blick einem Warag glich. Nur, dass das hier kein Warag war. Zumindest keiner, dessen Rasse irgendeiner der Hunde entstammte, die Myriliam in ihrem Leben jemals zu Gesicht bekommen hatte. Diese Kreatur war so riesig, dass sie ihr geradewegs ins Gesicht blicken konnte. Das helle, weiße Fell wirkte inmitten des dunklen Waldes falsch. Fremd.

Unendlich langsam, um das Tier nicht zum Angriff zu reizen, wich Myriliam zurück. Tastete mit den Händen nach etwas, irgendetwas, das ihr als Waffe dienen konnte. Wie gebannt starrte sie der Kreatur in die Augen, die ihr mit angelegten Ohren folgte. Dunkle Augen.

Sanfte Augen, schoss es ihr durch den Kopf. Und dieses Tier… diese Kreatur… aus dem Norden? Nicht von hier?

„Ravan?“, kam es erstickt über ihre Lippen. Die Kreatur nickte. Wuffte. Machte eine Kopfbewegung, als wollte es Myriliam auffordern, ihr zu folgen.

Irgendetwas löste sich unter ihrem Fuß. Es polterte. Platschte. Bei allen Göttern. Der Fluss.

Mit einem Mal wurde ihr wieder bewusst, wie laut der Fluss unter ihr toste. Sie hatte das Geräusch schon fast gar nicht mehr wahrgenommen. Hatte gar nicht bemerkt, dass sie die ganze Zeit über weiterhin rückwärts gegangen war. Myriliam wandte den Kopf und starrte wie gelähmt auf das schäumende, türkisgrüne Wasser hinab.

Oh Götter, sie stand direkt an der Kante. Und wie tief es da hinunter ging! Myriliam schwankte, rang um Gleichgewicht und wollte eilig von der Kante wegtreten. Da löste sich erneut ein Stein unter ihren Füßen und sie sackte in die Tiefe. Im selben Moment überwand die Kreatur, Ravan, die Entfernung zwischen ihnen mit einem einzigen Satz. Seine Kiefer schlossen sich um ihren Arm, zerrten an ihr, dann hing Myriliam plötzlich in der Luft und ein scharfer Schmerz zuckte durch ihren Arm. Sie schrie auf, vor Schmerz und Angst, streckte sich nach oben, bekam mit der freien Hand das dichte, weiße Fell an Ravans Hals zu packen. Blut tränkte den Stoff ihres Kleides. Dann prasselten plötzlich Steine vor ihren Augen in die Tiefe und Myriliam sah, wie der poröse Stein unter Ravans großen Pfoten brach. Sie rutschten ins Nichts. Stürzten nebeneinander in die Tiefe. Ravans Kiefer lösten sich von ihrem Arm und Myriliam hörte sein entsetztes Aufheulen, als er mit einem lauten Klatschen ins Wasser fiel.

Der Aufprall trieb ihr die Luft aus den Lungen. Schon schlug das Wasser über ihr zusammen und mit einem Mal erstarb der Lärm um sie herum zu einem gedämpften Rauschen. Eisige Kälte durchzuckte sie und lähmte ihren schockstarren Körper, der augenblicklich von der Strömung erfasst und mitgerissen wurde. Sie konnte nicht dagegen ankämpfen. Ein dumpfer Stoß an ihrem Bein, an ihrer Seite. Ihr ganzer Körper brannte vor Schmerz. Sie konnte ihre Arme nicht fühlen, mit denen sie instinktiv um sich schlug. Luft. Sie brauchte Luft!

Ihre Hände fanden Halt, packten zu. Fell. Vier wild um sich tretende Läufe. Myriliam klammerte sich an dem Körper fest, kam an die Oberfläche. Sie schnappte nach Luft und sah die weit aufgerissenen, braunen Augen Ravans, der verzweifelt gegen die Strömung ankämpfte. Myriliam grub ihre Finger in sein Fell, hielt sich an ihm fest. Sie konnte nichts tun. Es gab nichts, kein rettendes Ufer, zu dem sie hätten schwimmen können. Nur kahle, hohe Felswände. Wieder und wieder wurde Ravan kurz unter Wasser getaucht. Selbst sein riesiger, kräftiger Körper kam nicht gegen die reißende Strömung an, die sie wie willenlose Puppen umherwirbelte und jede ihrer kraftlosen Bewegungen in eine andere Richtung lenkte.

Ravans Kopf tauchte erneut unter. Myriliam fühlte nicht, wie ihr sein Fell aus den tauben Fingern glitt, doch plötzlich war sein rettender, großer Körper fort und sie wurde unter Wasser gerissen. Ein starker Sog zog sie unaufhaltsam tiefer hinab, in einen wirbelnden, reißenden Strom, der unter die steile Felswand, ins Innere der Erde führte. Hilflos musste Myriliam mitansehen, wie sich das rettende Licht der Oberfläche immer weiter von ihr entfernte.

Ich werde sterben, schoss es ihr verzweifelt durch den Kopf. Ich werde sterben.

Dann war das Licht fort und es wurde dunkel um sie herum.


2. Kapitel

Schwer atmend lehnte Bhalin sich an den Stamm und presste einen Ballen Stoff an die pochende Wunde an seiner Schulter. Er versuchte, die klamme Kälte zu ignorieren, die sich in seinem Körper ausbreitete und sich bei der kleinsten Bewegung mit einem schmerzhaften Ziehen in den Gelenken rächte. Zumindest ließ die Blutung langsam nach.

Das ist schnell eskaliert. Bhalins Blick wanderte zu den Leichen der Wegelagerer, die über die Brücke und den anschließenden Wald verstreut lagen. Ihr hättet uns einfach passieren lassen sollen. Das hier wäre nicht nötig gewesen.

Die Männer hatten sich an beiden Seiten der Brücke postiert und Wegzoll verlangt. Die einzige, intakte Brücke weit und breit über den Raangyar, der, besonders wenn er Hochwasser führte und sich brüllend seinen Weg durch sein tiefes, felsiges Flussbett bahnte. Und zu einer eisigen Todesfalle für jeden wurde, der das Pech hatte – oder dumm genug war – hineinzufallen.

Das hatten ihnen die Männer erklärt, beteuert, dass sie diese Brücke instand hielten und sich deswegen im Recht sahen, Wegzoll zu verlangen. Instandhaltung. Wegzoll. Bhalin schüttelte den Kopf und bewegte vorsichtig seine schmerzende, klamme Schulter. Banditen waren es gewesen, nichts weiter.

Vermutlich hatten sie es nicht anders verdient. Sicherlich hatten schon genügend ahnungslose Reisende diesen Wegzoll nicht mit Geld, sondern mit Blut bezahlt. Und doch… dieses Blutbad wäre nicht nötig gewesen und Bhalin fragte sich, was er hätte anders machen können, um es zu verhindern. Er suchte nach dem Fehler in seiner Argumentation, die von den Männern abgeschmettert und verhöhnt worden war. Dass sie ihren Warnschuss als Zeichen, dass es bei der Sache keine Verhandlungen gab, ausgerechnet auf ihn abgegeben hatten, war ihr Todesurteil gewesen. Als würde Gharin es zulassen, dass irgendjemand ihn oder Ravan bedrohte.

In diesem Moment ging sein Bruder, der sich mittlerweile zurückverwandelt hatte, vor ihm in die Hocke.

„Blutet es noch?“, fragte er und musterte Bhalin besorgt aus seinen kupferfarbenen Augen. Seine tiefe Stimme klang seinem schweren Atem zum Trotz ruhig und obwohl sein kräftiger, nackter Körper vor Schweiß glänzte, war ihm die Anstrengung der Verwandlung in das Monster abgesehen davon kaum anzumerken. Obwohl Bhalin daran gewöhnt war, erfüllte ihn diese Feststellung wie so oft aufs Neue mit einem Anflug von Neid. Er zählte mit seinen 41 Áhr nur drei mehr als sein Bruder, dennoch schienen zwischen ihnen seit jeher Welten zu liegen. Bhalin wünschte sich nur einen Bruchteil der schier unerschöpflichen Kraft, die es seinem Bruder ermöglichte, scheinbar mühelos die Form zu wechseln. Und das in so kurzer Zeit, dreimal hintereinander. Und dann auch noch in das Monster. Die drachenartige Gestalt des Vharok, die ihre Mutter Gharin damals, als sie noch Kinder gewesen waren, zugeführt hatte. Als Geschenk für ihren bevorzugten, kräftigen Sohn. Ein Geschenk, das ihm eines Tages den Tod bringen mochte, denn eine derartige Verwandlung war gefährlich. Sie kostete einem alles an Kraft und Konzentration und Bhalin wusste, dass er die Anstrengung einer derartigen Verwandlung vielleicht nicht überleben würde. Oder zumindest sie nicht unbeschadet überstehen.

Zu schade, dass er in der Gestalt nicht fliegen kann, dachte Bhalin matt, lehnte den Kopf zurück an den Stamm des Baumes und schloss für einen Moment die Augen. Es hätte uns so viel Zeit und Mühe erspart. Wir wären längst zuhause.

„Ohhh, du Armer.“ Ein leises, gehässiges Lachen echote durch seinen Kopf. „Jetzt artet es auch noch in Arbeit aus, die Thronerben alle zu entführen, und ihr müsst euch auch noch anstrengen dafür. Ihr könnt einem richtig leid tun.“

„Es war ein Fehler“, erklang es trübselig aus einer anderen Richtung. „Wir werden uns den Tod holen.“

Bhalin ignorierte die Stimmen, die zu dem Geist des Vogels und des Käfers gehörten, deren Seelen er damals in sich hatte aufnehmen müssen, um ihre Gestalt zu erlernen. Sie waren eine Plage. Eine Krankheit, die ihn immer dann zu quälen begann, wenn es ihm nicht gelang, sie mit seinem Willen zu unterdrücken.

„Bhalin.“ Eine ungeduldige Schärfe schlich sich in Gharins Stimme, als er seine Frage wiederholte und Bhalin aus seinen niedergeschlagenen Grübeleien riss. „Blutet es noch immer? Bist du in Ordnung?“

Bhalin hob den Kopf und blickte seinem Bruder in die Augen.

„Es lässt bereits nach. Mach dir keine Sorgen.“ Er versuchte sich an einem beruhigenden Lächeln, das sich falsch und fremd auf seinem Gesicht anfühlte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal gelächelt… oder gar echte Freude empfunden hatte.

Doch, korrigierte er sich im nächsten Moment müde, als es ihm wieder einfiel. Er erinnerte sich. Als er Vargrin wiedergesehen hatte. Seinen Sohn. Bis dieser ihnen damals, wie geplant, die Prinzessin übergeben – und ihnen daraufhin den Rücken gekehrt und seine eigene Familie verraten hatte. Bhalin schob die schmerzliche Erinnerung beiseite, versuchte, sie in das Loch zurückzudrängen, das sein Sohn damals in seinem Herzen hinterlassen hatte. Es half nichts, schon wieder darüber zu lamentieren und nach dem ‚Warum?‘ zu fragen. Es war vorbei. Und sie hatten eine Aufgabe zu erledigen.

Gharin legte ihm eine Hand auf die unverletzte Schulter und drückte sie leicht. Er nickte Bhalin wortlos zu und erhob sich. Gharins besorgte Miene verhärtete sich beim Anblick der herumliegenden Toten und ein Ausdruck von mühsam unterdrückter, unversöhnlicher Wut flackerte über sein Gesicht. Er ließ den Blick über die Leichen wandern und trat auf eine davon zu. Es war der Mann, der den Schuss auf Bhalin abgegeben hatte.

Gharin schien die Kälte nicht zu spüren und störte sich auch offensichtlich nicht weiter an der Tatsache, dass er als Einziger splitternackt war. Sonnenlicht fiel durch die Blätter der Bäume über ihnen und besprenkelte seinen blassen Körper und die schwarzbraunen Haare mit hellem Licht, das mit jedem sachten Windstoß unruhig zu tanzen begann. Unruhig wie Gharin selbst, der dem Toten eben einen rachsüchtigen Tritt verpasste und ihn über die Felskante in den Abgrund beförderte. Es platschte vernehmlich.

„Seht! Ein Isvarg kommt über die Brücke!“

Der Ruf des Džawaren, der die Worte in der harschen Sprache des Nordens ausgestoßen hatte, zog die Aufmerksamkeit der beiden Brüder auf sich.

Isvarg?

Bhalin wandte ruckartig den Kopf, sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm des Mannes, der auf die gegenüberliegende Seite der Brücke deutete.

Tatsächlich. Bei dem Anblick des riesigen, weißen Vargs – Warag in der Gemeinsprache – wallte jähe Hoffnung in ihm auf.

Vargrin. Vargrin hatte die Gestalt des Isvargs beherrscht, der so viel größer und stärker war als seine kleineren Verwandten hier im Süden.

Hatte er seine Meinung geändert? Bereut, was er getan hatte? Aber warum kam er dann nicht als Vogel, oder in seiner eigenen Gestalt? Und warum war sein Fell so nass?

Mit einem Mal waren der Schmerz in seiner Schulter und in seinem klammen, frierendem Leib vergessen. Bhalin kam eilig auf die Beine und ging ihm mit klopfendem Herzen entgegen. Er wunderte sich über die eingeschüchterte Haltung des Isvargs, der mit eingezogenem Schwanz und angelegten Ohren auf sie zu humpelte und nervös hechelnd vor ihnen stehen blieb. Dann fielen ihm die dunklen, braunen Augen auf, deren Blick direkt auf ihn gerichtet war.

Braun. Nicht silberblau.

Ravan, begriff er plötzlich und seine ungläubige Freude löste sich schlagartig auf. Wich einer bitteren Enttäuschung.

„Hätt ich ihm gar nicht zugetraut“, kommentierte die Stimme des Vogelgeistes beeindruckt. „Er hat es echt gepackt, eins von diesen Riesenviechern zu erledigen?“ Der Geist lachte. „Dann hoffen wir mal, dass er mit dem Geist fertig wird, was?“, stichelte er gehässig. „Nicht, dass er euch am Ende noch alle auffrisst.“

Die Worte des Geistes schürten die Sorge, die in Bhalin aufgeglommen war. Ja. Er hoffte, dass der Junge mit dem Geist des Isvargs fertig wurde. Dass dieser ihn nicht in den Wahnsinn trieb, oder ihn überwältigte, bis Ravan vergaß, wer und was er war.

Gharin indes schien angesichts der Gestalt weder beeindruckt, noch beunruhigt, die sein Sohn irgendwann in den vergangenen Áhr erlernt haben musste, ohne ihnen davon zu erzählen.

„Wo ist das Mädchen?“, stieß er stattdessen hervor.

Gharins Worte ließen Bhalins Innerstes zu Eis erstarren.

Oh nein. Bitte nicht.

Er wandte den Kopf, sah auf die Stelle, an der er die Prinzessin und Ravan zurückgelassen hatte. Myriliam war verschwunden.

„Was ist passiert?“, fuhr Gharin auf und Ravan entfuhr ein verängstigtes Winseln. Er duckte sich ein wenig tiefer zu Boden und warf einen furchtsamen Blick in Richtung seines Vaters, dessen Augenbrauen sich unheilverkündend zusammenzogen. Hoffentlich würde sich der Junge trotz seiner Angst so weit beherrschen können, um sich zu verwandeln.

Er versuchte es. Die Wandlung verlief ungleichmäßig und stockend, und als der nackte Junge schweißüberströmt und zitternd vor ihnen auf die Knie sank, entfuhr Gharin ein verächtlicher Laut. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Džawaren, die das Schauspiel wie immer mit Interesse verfolgten und den am Boden kauernden Jungen nicht aus den Augen ließen.

„Bei den Höllen, Ravan. Reiß dich zusammen.“ Er packte seinen Sohn am Arm und zog ihn auf die Beine. „Das ist ja erbärmlich“, zischte er.

Bhalin presste missbilligend die Lippen aufeinander. Er hütete sich davor, seinen Bruder vor den Augen der Džawaren mit offener Kritik zu demütigen und den Männern einen Grund zu geben, Gharins Autorität in Frage zu stellen. Diese Männer waren Verbündete. Untergebene. Keine Freunde. Als Chluánnan hatten sie in dieser Welt keine Freunde mehr. Niemanden, dem sie wirklich vertrauen durften, außer sich selbst. Außer ihrer eigenen Familie. Ihrem eigenen Volk. Dem traurigen Rest, der noch davon übrig war.

Bhalin streckte den unverletzten Arm aus und reichte dem vor Kälte und Erschöpfung bebenden Ravan seinen Umhang, der ihn sich dankbar um die Schultern zog.

Er zwang sich dazu, ruhig zu sprechen. Kein Grund, Gharins schwelende Wut und die offensichtliche, schuldbewusste Angst seines Sohnes zu verstärken.

„Was ist passiert, Ravan?“, fragte er und bemühte sich um einen ruhigen Ton.

Ravan zog den Kopf ein und wich einige Schritte vor seinem Vater zurück, ehe er zum Sprechen ansetzte. Die Worte kamen so leise über seine Lippen, dass in dem Rauschen des Flusses beinahe untergingen.

„Es tut mir leid… sie… Myriliam, sie… ist fort.“ Er warf Bhalin einen verzweifelten Blick zu, dessen Inneres zu Eis erstarren schien. „Das Terpan ist durchgegangen, als Vater sich verwandelt hat. Ich hab versucht, sie aufzuhalten und sie zu retten, aber…“ Er verzog gequält das Gesicht. „Sie ist in den Fluss gefallen. Und die Strömung war einfach zu stark. Es… es tut mir leid.“

„Was…?!“ Entsetzen und Wut spiegelten sich auf Gharins Gesicht wider. Er hob die Hand und machte Anstalten, auf Ravan zuzutreten, der sich seinem Vater mit einem Ausdruck von trotziger Furcht zuwandte, sich aber nicht von der Stelle rührte. Dann wandte Gharin sich jedoch zu Bhalin um und dieser erkannte die mühsam beherrschte Panik in den Augen seines Bruders.

„Was sollen wir tun?“ Er trat auf Bhalin zu, packte ihn so fest am unverletzten Arm, dass es beinahe wehtat. „Bhalin. Denk nach. Du musst etwas tun. Wir müssen sie finden!“

Bhalins Gedanken rasten. Sein Blick flog von der Brücke zu dem unter ihnen dahintosenden Fluss. In diesem Wasser würde das Mädchen nicht lange überleben. Wenn sie nicht schon längst tot war.

Dummkopf, schalt er sich selbst. Es war alles seine Schuld. Er hätte Ravan nicht mit Myriliam alleine lassen dürfen.

„Oooohje, so kurz vorm Ziel und dann war alles umsonst“, spottete der Geist des Vogels in seinem Kopf und lachte. „Ist alles den Bach runter gegangen. Armes Kind. Dabei hast du Vargrin doch versprochen, auf sie aufzupassen. Tztztz.“ Bhalin versuchte, ihn zu ignorieren.

„Wir müssen uns aufteilen“, hörte er sich sagen, während ihn die Erkenntnis, dass die Prinzessin seinetwegen nicht nur entkommen, sondern womöglich sogar tot war, mit kaltem Grauen erfüllte. „Die Männer sollen stromabwärts nach ihr suchen und sehen, ob sie es ans Ufer geschafft hat. Oder sie aus dem Wasser retten, wenn sie können. Sie sollen ein Feuer machen, wenn sie sie finden. Sie braucht Wärme. Und das Feuer wird uns zu ihr führen. Du kannst von der Luft aus nach ihr Ausschau halten.“

Gharin nickte. Er wandte sich den Džawaren zu, die ihnen aufmerksam gelauscht hatten, aber keine Anstalten machten, Bhalins Anweisungen Folge zu leisten. Erst, als Gharin sie knapp und in unmissverständlichem Befehlston wiederholte, setzten sie sich in Bewegung. Bhalin beachtete sie kaum. Er starrte wie betäubt auf die rauschenden Wassermassen hinab.

Das kann nicht sein. Es darf nicht sein. Er senkte den Kopf. Sie darf einfach nicht tot sein. Was habe ich getan?

„Komm, Ravan!“, riss Gharins Stimme ihn jäh in die Gegenwart zurück. „Wir müssen sie finden!“

Bhalin wandte sich um, blickte auf seinen vor Kälte und Erschöpfung zitternden Neffen, der seinen Vater mit einem blanken Gesichtsausdruck anstarrte.

„Aber-“

„Nichts aber“, unterbrach Gharin ihn scharf, der blind für die offensichtliche Erschöpfung seines Sohnes zu sein schien. „Du hast sie entkommen lassen, also reiß dich gefälligst zusammen und hilf mit!“

„Gharin…“ Bhalin hob beschwichtigend die Arme. „Ravan hat sein Bestes getan und er ist Myriliam sogar in diesen Fluss gefolgt. Gib ihm etwas Zeit und lass ihn zu Atem kommen. Sonst werden wir ihn aus der Strömung ziehen müssen.“

„Nein, Onkel.“ Ravan straffte sich und gab ihm mit einem nicht besonders überzeugenden Lächeln seinen Umhang zurück. „Es geht schon. Es ist meine Schuld. Ich könnt’s mir nie verzeihen, wenn sie meinetwegen stirbt.“ Er wandte sich an Gharin. „Ich werd dich nicht nochmal enttäuschen, Vater.“

Doch Gharins Gesichtsausdruck war abzulesen, dass er das bereits hatte, als Ravan sich erneut mit seiner Wandlung abmühte, ehe er sich mit lahmen Flügelschlägen ungeschickt in die Luft beförderte. Gharin tauschte einen letzten, grimmigen Blick mit Bhalin, der ihn besorgt erwiderte, ehe er selbst zum Rand der Brücke marschierte, sich in einer eleganten Bewegung über das Geländer schwang und in der Tiefe verschwand. Einen Augenblick später schossen ein großer, brauner Vogel und ein etwas kleinerer, schwarzer zwischen den Felswänden stromabwärts.

Bhalin schloss verzweifelt die Augen. Er verfluchte die Wunde an seiner Schulter, die es ihm unmöglich machte, sich selbst zu verwandeln und bei der Suche zu helfen. Stattdessen blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten. Untätig. Hilflos. Immer war er es, der zurückblieb, weil sein schwächlicher Körper ihn im Stich ließ. Immer war er es, der nichts tun konnte, außer einen Schritt zurückzutreten und Gharin die gefährliche Arbeit zu überlassen – und zu hoffen, dass dieser es ohne Hilfe schaffte.

Ihr Götter, bitte, wacht über sie. Bitte beschützt sie. Lasst nicht zu, dass ihr etwas geschieht. Bhalin bemerkte, dass er die Hände zu der Geste des Gebets über dem Herzen gefaltet hielt. Er ließ sie eilig sinken. Beschämt. Erleichtert, dass niemand ihn dabei ertappen konnte.

„Schon ziemlich dreist, ausgerechnet die Götter anzuflehen, meinst du nicht?“, ließ sich die Stimme des Vogelgeistes spöttisch vernehmen. „Wenns nach ihnen ginge, solltet ihr allesamt tot und die Prinzessin in ihrem Schloss sein, anstatt hier mit den Fischen um die Wette zu schwimmen.“

„Als würden sie uns jemals erhören“, stimmte es aus einer anderen Richtung trübselig zu. „Warum denn auch?“

„Wir haben keine andere Wahl“, murmelte Bhalin, der sich gegen besseres Wissen dazu hinreißen ließ, den Stimmen zu antworten. „Wir müssen uns selbst helfen, wenn die Götter es nicht tun. Sie haben uns im Stich gelassen. Wir sind allein.“

Sie waren allein. Denn selbst der Ráth – die unsterblichen Boten der Götter – glaubten die Lügen, dass seine Vorfahren Schuld an ihrem eigenen Untergang gewesen seien. Tyrannen, die es nicht anders verdient hatten. Deshalb hatte selbst der Ráth sich damals, als es seine Hilfe am dringendsten gebraucht hätte, von seinem Volk abgewandt und die Chluánnan einfach ihrem Schicksal überlassen.

Vater ist der Einzige, der es durchschaut hat, dachte Bhalin verbittert, der sich angesichts der Aussichtslosigkeit ihrer Lage wieder einmal verloren fühlte. Er will ihr nichts Böses. Er will uns retten. Und wenn die Götter uns nicht helfen, dann müssen wir es selbst tun.

Dennoch hoffte er, dass die Götter wenigstens über die junge Prinzessin eine schützende Hand hielten. Ihre Familie, ihr Reich, war immer noch von ihnen gesegnet. Sie mussten ihr helfen. Verzweifelt starrte Bhalin auf das schäumende, tosende Wasser des Flusses hinab, der ihre einzige Hoffnung, das Schicksal der Chluánnan noch zu wenden, mit sich gerissen hatte. Seinetwegen. Alles verloren. Alles umsonst.

[1] Ein Áhr bezeichnet den Zeitraum eines halben Umlaufes des Planeten um die beiden Sonnen in 364 Tagen. Ein Áhr beginnt und endet an dem Tag, an dem nur eine Sonne am Himmel sichtbar ist.

[2] Ein Chluánn (Mz.: Chluánnan) ist ein Wesen, das die Fähigkeit der Gestaltwandlung besitzt.

[3] Ménan: Sammelbegriff für die humanoiden (menschenähnlichen) Völker ohne besondere Fähigkeiten, wie sie z.B. die Chluánnan besitzen, welche ihre Gestalt verändern können.

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